Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 2 (1920-1921)
- Issue
- 4-5 (1.1921)
- Date
- 1921-01-01
- Page
- Seite 91 (sequence 37)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Ja, die Gedanken gehen gleichmäßig vorwärts, wie einegutgeheizte M aschine; vorausgesetzt, dass die Trauben nicht mittencrin aufhören. Es hat so seine zwei Seiten, das Scbomer sein. Einmal hat man so ziemlich alles was man sich wünscht, wenn man schwer arbeitet wie jetzt in der Ernte. Tags nichts zu tun, lesen, schreiben, molschen. Nachts spazieren gehen, mit oder ohne Mondschein. (Schlafen, solang du willst, aber länger als von 3—8 oder 9 gehts von selber nicht), Traubenessen; und Menschen stören dich auch nicht Aber nach ein bis zwei Wochen schmecken die Trauben nicht mehr ganz so. Die verbrauchten Quantitäten nehmen betrachtlich ab. Lesen und schreiben geht auch nicht den ganzen Tag. Allmählich bangt man sich sogar nach Menschen und freut sich, daß man mit dem Araber reden kann, der das Essen bringt Und unter Verbrauch beträchtlicher Traubenmengen kommt man zu der EntSchliessung, daß die Forke doch allerhand Vorzüge vor der Knarre hat Die Nächte sind jetzt wunderbar hier, voller Mondschein und Musik. Ihr könnt euch die Lichtfülle nicht vorstellen, die vom Monde ausströmt, und jedem Ding selber fast ein eignes silbernes Funkeln verleiht Und überall funkeln Glühwürmchen, fliegen wie leuchtende Funken, verlöschend und aufleuchtend, dunkel, hell, dunkel, hell durch die Nacht Und von den Bergen leuchten die Lagerfeuer mit rotem Schein, klingt Gesang, Musik. . Musik macht eigentlich alles hier. Hauptstimmen haben ich und die Schakale. Ich trommel auf einen Blechpott ßnd sie singen dazu, den dunklen Unterton gibt das Meer. Und die ihrigen Stimmen haben der Wind, Araber, JEulen, Hyänen, Nachtvögel, Heuschrecken, Cicaden--Mausergewehr Mod. 98 nicht 211 vergessen. Das Echo der Schüsse rollt minutenlang in den Bergen. — Heuschrecken und Cicaden haben ein eigenes vielstimmiges Orchester. Eine schnurrt wie ein Kreisel, eine tickt wie eine Uhr, eine geht wie eine Telephonklingel, womöglich noch lauter, eine trillert wie eine Signalpfeife, aber all die Stimmen und noch tausend unbekannte ordnen sich doch zu , einer absonderlichen aber nicht unschönen, vollen Harmonie. Mein Kerem liegt etwas abseits in den Bergen. Etwas weiter liegt eine große Ebene voller WeiDgärten mit etwa 20 Schomrim. Da gehts lebhaft zu. Wenn abends die jungen Leute und Mädels von Sichron Jaakob mit Wagen hereinkommen. Dann fängt ein Geschieße, ein Begrüßungsknallen und Gejohle an, dass die Berge wackeln. Das Echo hört nicht auf zu rollen; wie ein Gewitter ist es, Schüße blitzen, und das Echo rollt, rollt minutenlang. Und dann singt man und tanzt, die halbe Nacht, manchmal auch die ganze. Mich hält man für einen durchaus unhöflichen Menschen, weil ich, wenn Gäste kommen, nicht vor Freude losknalle, sondern höchstens Blechmusik . oder Dideldudel auf der arabischen Rohrflöte mache. Daß Patronen noch einen andern Zweck haben als Krach zu machen, das ist hier scheinbar noch unbekannt. Aber lustig ist's, wenn Leute kommen. Dann sitzt man zu sechs in der Sukkoh droben, die im Winde schwingt; singt, lacht, macht Jdkus und ißt Tiauben, Kaktusfeigen, Tut (Maulbeeren) — (das muß ich natürlich vorbereiten). Meine Sukkoh ist vornehm, vier Meter über der Erde, mit Weinranken und Rohr gedeckt Mobiliar: ein Strohsack und vier Nägel zum Sachen aufhängen. Die Leiter ist 91