Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 2 (1920-1921)
- Issue
- 4-5 (1.1921)
- Date
- 1921-01-01
- Page
- Seite 90 (sequence 36)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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vom Fenster. Ratsch, eine Salve rein. Sie stutzen, verschwinden in der Dunkelheit. . - An den anderen Seiten läßt es nach. Von Wadi her hört man Schreie ,.Jabaje, Jabajel" (Gewalt! Gewalt 1) Dann wirds auch da still. Ab und zu noch ein Schuß von einem, der irgend was zu sehen glaubt Dann Stille. Jeder steht auf seinem Posten und späht ins Dunkle. Nichts. Allmählich gehen die Gedanken zu uns selbst. „Was ist im Haus, im Hof? Gibts Verwundete? haben sie was geklaut?" Einer der „Offiziere^ kommt: „Drin alles in Ordnung?" „Ja!" „Keine Verwundeten?" „Nein!" Beruhigt steht man weiter. Es wird heller. Einzelne Posten werden abgelöst. An jeder Seite nur ein paar Leute. Ich bekomme ein Fenster an der andern Seite, wo vorher die Araber vorbei, liefen. Irgend was Weißes liegt da am Weg. Nichts genaues zu erkennen. „Da ist einer gefallen, da das ist seine Keffije." — „Ach wo, sind Steine " - Aber allmählich tritt im Licht doch immer deutlicher die Gestalt des Toten hervor. Hintenübergefallen, das Gesicht leicht verzerrt, halb Lachen und halb Wut. Gewehr hai er keins. Den Schuß muß er im Bauch haben, etwas Blut ist da herabgerieselt. „Laßt ihn liegen, kommt Chewre!'* Wir gehen zu den Pferden. Alle erschreckt^ und durcheinander. Ich klopfe einem beruhigend den Hals, „Je, was ist das," sagt einer. MBlut?,# „Hergott, ja! Petljura hat einen Schuß im Hals." Am Boden eine grosse * Lache. — Aimer Kerl, wird wohl nichts werden. Na, ich mach Notverband, bis der Arzt kommt. „Und wo ist der Bull?" Alles durchgesucht, er ist nicht da. „Ja, wo war er denn, wer sah ihn zuletzt?" Da kommt ein Schomer, „Er war im Pferdestall, und als die Schüsse anfingen, riß er sich los. ich schoß durch die Tür, er beinahe über mich rüber und raus. Gesehri hab ich nicht wohin." „Ja, dann haben sie ihn geschnappt* Am Morgen kommen Araber, wissen von nichts, fragen was lös war. Wir zeigten ihnen die Flinte, da verschwinden sie wieder, und dann kommen Militärpatrouillen, die Kommission aus Safeö, Gendarmen, Aerzte von der Hadassah. Kurz, die Bude ist voll Nachher erfuhren wir noch verschiedenes. Erstens, daß die Araber noch Tote und Verwundete mit sich nahmen, daß ungefähr 60 hier waren, von welchem Stamme usf. usf. Und nachher fingen an Gerüchte zu laufen — wir haben so manchmal das Lachen gekriegt Nachher kam, jeden Abend ein Posten Inder auf den Hof, Möitar in der Gegend wurde verstärkt. — Jetzt in Haifa hörte ich, daß schon ein zweiter Ueberfall gewesen wäre. Und so wirds weiter gehen. Und gibts keine grossen Ueberfälle, gibts kleine auf Passanten und Arbeiter. Ruhe wirds sobald nicht geben. Bath Schlomoh, 29. Juni 1920. Ich sitze draußen im Kerem und sehe tagelang kein menschliches Wesen außer dem Araber, der mir Essen bringt und lauere auf ein menschliches Lebenszeichen wie der Teufel auf eine arme Seele. Eine der wenigen nützlichen Beschäftigungen hie* ist Traubenessen. Einmal schmeckts gut, und dann ist es wirklich eine ganz geruhsame und gedankenfordernde Beschäftigung, Man sitzt, meistens nachts (denn dann sind sie kalt und mit Tau bedeckt), eine schöne volle Traube auf den Knien, steckt langsam eine Beere xjach der andern in den Mund, saugt den Saft aus und spuckt gedankenvoll die Schlauben in die Nacht hinaus.