Mannheim
Compact Memory

Blau-Weiss-Blätter · 1921-01-01 · 4-5 (1.1921) · p. Seite 83

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Blau-Weiss-Blätter
Volume
2 (1920-1921)
Issue
4-5 (1.1921)
Date
1921-01-01
Page
Seite 83 (sequence 29)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2708691-2708699-2708702--208-2708942
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Sobald eine Kraft eine Masse in Bewegung setzt, tritt eine Gegenkraft auf, die vis inertiae. Die Trägheit der Masse ist das Sichsträuben gegen eine Aenderung des Bewegungszustandes. Jeder „Beweger** menschlicher Dinge muß gegen die vis inertiae kämpfen, mit der die Masse am gegebenen Bewegungszustand festhält. Und das größte Energiegesetz, eine Krönung des Systems der Naturgesetze überhaupt, der Satz von der Erhaltung der Energie, ist eine so notwendige Forderung des Geistes, daß schon Anaxagoras ihn aussprach, wenn auch Robert Mayer ihn erst wissenschaftlich begründete. Das Naturgesetz drückt die Abhängigkeit der verschiedenen Faktoren eines Vorgangs voneinander aus. Eine weitere Frage entsteht nach dem Grund dieser Abhängigkeit, nach der metaphysischen Daseinsberechtigung des Gesetzes gewissermaßen. Diese Frage beantwortet <Jie Hypothese oder Theorie. Sie ist die höhere Erkenntnisstufe, zu der sich das Gesetz verhält wie der Begriff zur Idee. Das Gesetz forscht nach dem Ablauf, die Hypothese nach dem Grunde des Geschehens. Die Richtigkeit einer Hypothese läßt sich nicht beweisen; sie läßt sich nur durch die Erscheinungen bestätigen. Meist haben sich die einfachsten und rationalsten Hypothesen bestätigt. Die Hypothese stellt das unmittelbarste Streben nach Einheit dar. So gibt manchmal, eine geniale Hypothese mehr Aufschluß über das Wesen der Dinge als hundert Einzelerkenntnisse. Dieser Drang nach unmittelbarer Erkenntnis erfüllte die größten Physiker. Sie leiteten ihre Erkenntnisse nicht mathematisch ab; sie erschauten ^das Gesetz, die Ableitung war das Sekundäre. So stellte Kepler, den ein Dämon nach unmittelbarem, einheitlichen Sehen trieb, immer neue Hypothesen auf, die er alle verwerfen mußte. Er ist Wissenschaftler und Seher zugleich. Er hat die mystische Theorie des Anaximandros und der Pythagoräer von der Harmonie der Sphären wieder aufgenommen und hat endlich jene großen Gesetze aufgestellt, die der neueren. Astronomie zugrunde liegen. Diese Gesetze waren eigentlich nur für den Mars gültig. Er bat sie mit genialem Analogieschluß auf das gesamte Planetensystem übertragen. Der Analogie, dem bildhaften Schauen, entspringen fast alle großen Erkenntnisse. Man denke an die Anekdote von Newton: Unter einem Apfelbaum liegend, halb im Traume, hört er einen Apfel*herunterfallen, da durchblitzt ihn der ungeheure Gedanke: „Die Kraft, die den Apfel zur Erde zieht, ist es, die den Mond in seiner Bahn erhält.4*. Der Beweis dieser intuitiven Uebsrzeugung gelarg ihm erst viel später. Herder sagt von inm: „So ward Newton in seinem Weltgebäude ein Dichter. wie Leibniz in seiner prästabilierten Harmonie und Moifaenlehre . . . so war es meistens ein neues Bild, eine Analogie, ein auffallendes Gleichnis, das die größten und kühnsten Theorien geboren.* * Seit Newton wissen wir, daß in jedem kleinsten Körper dieselben Kräfte herrschen, die das Sonnensystem zusammenhalten. - „Der Mensch wird größer, weil er dies erkennen kann, und das Weltall „ist kleiner, weil Zeit- und Raumbeziehungen vor dem erkannten Gesetz „schwinden .... Auf solcher Höhe der Naturwissenschaft wirft das „Gedächtnis die drückende Last der bekannten Einzelheiten ab und trägt 83

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.