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Blau-Weiss-Blätter · 1921-01-01 · 4-5 (1.1921) · p. Seite 80

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Journal
Blau-Weiss-Blätter
Volume
2 (1920-1921)
Issue
4-5 (1.1921)
Date
1921-01-01
Page
Seite 80 (sequence 26)
Language
German
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Aus der Wechselwirkung dieser Triebe entsteht alles Erkennen. In jeder Wissenschaft wirken beide, und je nach dem Vorherrschen des einen oder andern scheiden wir in mathematische und beschreibende Wissenschaften. Aus der Durchdringung der Erkenntnistriebe wird das Beispiel geboren: Unser konkreter Sinn fordert ein greifbares Bild des erkannten allgemeinen Gesetzes. Am Beispiel oder Experiment haben wir eine reine Freude,, und ohne das Beispiel kommt unser Denken nicht aus. Der Fundaraentalsatz des mathematischen Naturerkennens ist der Satz vom Grunde: „Nichts geschieht von ungefähr, sondern alles aus einem Grunde und durch Notwendigkeit.* So sprach ihn zuerst der griechische Denker Leukippos aus, der Erfinder der Atomtheorie. Es ist der unerschütterliche Glaube der Wissenschaft, daß jeder natürliche Vorgang von einer Bedingung abhängt und weiter, daß gleiche Bedingungen auch gleiche Wirkungen erzeugen. Ohne« diesen Glauben kommt selbst primitivstes Denken nicht auis: Fliegt einmal der Pfeil bei einer gewissen Bogenspannung und einer gewissen Windstärke 100 m weit, dann nehmen wir an, daß er unter denselben Bedingungen ein zweites Mal auch 100 m zurücklegen wird. »Den Glauben an die Unverbrüchlichkeit der Natur" nennt Emerson diesen Prozeß. Der Geist hat erkannt, daß bei jedem Vorgang die einzelnen bedingenden Faktoren desselben in einer . gewissen Abhängigkeit voneinander stehen: Die Schußweite ist von der Spannung des Bogens abhängig, die Ausdehnung eines Körpers von der Temperatur u s. f. Die nächste Frage ist allgemein die nach der Art dieser Abhängigkeit, nach dem »Gesetz" dieser Abhängigkeit. Wie-wird das Gesetz für einen natürlichen Vorgang gefunden? Durch Beobachtung kann es selten gefunden werden; denn Beobachtung ist meist vieldeutig oder trügerisch. Es entspringt meist reinem, spekulativem Denken, und kein Gesetz kann Bestand haben, das der Ueberlegung, dem Denken widerspricht. Ein Beispiel: Da3 einfachste mathematische Naturgesetz ist das der gleichförmigen Bewegung (Bewegung mit gleichbleibender Geschwindigkeit). In Wirklichkeit gibt es keine solche Bewegung; sie ist eine konstruierte Vorstellung, eine unendliche Vereinfachung der Naturvorgänge. Was Bewegung ist, mußte uns die Wirklichkeit lehren, was gleichförmige Bewegung ist, lehren wir die Wirklichkeit. Ebenso ist es mit fast allen andern Bewegungstypen. In der Wissenschaft ist das als reine Idee vorhanden, was in der Natur nur unvollkommene Wirklichkeit ist. Um den Verlauf der Bewegung festzustellen, fragen wir: Wo ist der Körper, der sich gleichförmig bewegt, nach 10 sec? Es ist einzig und allem denkbar, daß er 10 mal so weit ist, wie nach einer Sekunde Bewegungszeit Sein Weg in dieser ersten Sekunde sei v, dann ist sein Weg s in 10 sec, s 10? v. Nun erhellt, daß dieselbe Ableitung auch gilt, wenn für 10 jede beliebige Zahl i eingesetzt wird. Also heißt das allgemeine Gesetz dieser Bewegung s c t Oder greifbarer ausgedrückt: bei der gleichförmigen Bewegung ist der Weg der Zeit und der Geschwindigkeit proportional. Denn die Zahl c gibt die Größe des Weges nicht nur in der ersten Sekunde, sondern da die Bewegung gleichförmig ist, in jeder Sekunde an, und die Größe des Weges in jeder Sekunde nennen wir die Größe der Geschwindigkeit Die 80

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