Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 2 (1920-1921)
- Issue
- 4-5 (1.1921)
- Date
- 1921-01-01
- Page
- Seite 77 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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sprechen. Nur so ist z. B. die restlose Aufgabe der keltischen Sprache in England zu erklären. Der stetige Einfluß des gemeinsamen Landes und das Interesse an seinem Schicksal, die Gemsinsamkeit der Sprache, Religion und Rechtsordnung schafft allmählich in beiden Klassen das Gefühl dauernder Verbundenheit, das be einer gemeinsamen Gefahr dann plötzlich zum Bewußtsein gelangt. So hat erst die gemeinsame Abwehr eines Feindes in der Ungarnschlacht auf dem Lecbfelde das Bewußtsein der deutschen Volkseinheit erweckt; wie überhaupt nur das zum Bewußtsein kommt, was irgendwie bedroht oder gehemmt ist Die gemeinsame Willensrichtung also ist letzten Endes, was das Volk verbindet. Allerdings ist der Wille der verschiedenen Klassen nur nach außen ungefähr derselbe - im Innern wirkt das Eigen-. interesse der Klassen in verschiedener Richtung, und da hier wie stets der Verstand dem Willen zu Diensten steht, ergeben sich als Staatstheorien der herrschenden und der beherrschten Partei zwei typische Systeme. Der hen sehende Stand, der vom Staate alles hat, was er erlangen kann, muß staatserhaltend (konservativ) sein. Da er in der Minorität ist, wird für ihn das Entscheidende „Autorität, nicht Majorität" bedeuten. Da er Staat und Recht wünscht, wie sie sind, wird er deren Fortbildung „inneren still wirkerden Kräften anheimstellen, nicht der Willkür eines Gesetzgebers" (Sav?gny). Und da der kriegerische Schutz des Staates die vornehmste Aufgabe ihres Standes ist, wird „der Krieg ein Glied in Gottes Wel'ordnung" (Moltke), und die Entwicklung der Macht die vornehmste aller Staafsaufgaben. Der anderen Staatsauffassung gelten Recht und Staat als im Dienste der einzelnen stehend; in den Interessen der Individuen besitzt diese Auffassung einen durch die Erfahrung gegebenen Maßstab für den Wert cder Unwert bestehender staatlicher Einrichtungen, und so wird sie zum Werkzeug der Kritik und Reform, zur Grundlehre einer Fortschrittspartei, führt sie 2um Liberalismus und zur Demokratie. Aber diese zweite Auffassung tritt erst setir spät hervor. Denn Jahrhunderte gehorchen die Menschen ganz besinnungslos, und die menschliche Eignung zum Gehorsam ist einer der bedeutendsten Züge der Geschicbve. Weü die Millionen geborener Sklaven nichts lieber abgeben als die zermalmende Last der eigenen'Verantwortung, konnte ein Napoleon, der mit der Vollmacht des Befehles vom Himmel gesandt war, so Unermeßliches wirken. Und damals zu Fichtes Zeiten wie in unseren Tagen waren es immer nur Tausende, die das Himmelsbrot der Freiheit liebten, und ihr Volk dazu aufrüttelten, seine Verantwortung, seinen Willen, sein Volkstum wieder zu erkämpfen. IV. Folgerung und Forderung. „Alle Gestalten sind ähnlich, doch gleichet keine der andern, Und so deutet ihr Chor auf ein geheimes Gesetz.* Solche Worte, die Goethe in der „Metamorphose der Pflanzen" schrieb, gelten ebenso für die Soziologie und die Geschichte. „Es ist mit der Geschichte wie mit der Natur, wie mit allem Profunden, es sei vergangen, gegenwärtig oder zukünftig. Je tiefer man ernstlich eindringt, desto schwierigere Probleme tun sich hervor. Wer sich nicht fürchtet, sondern kühn darauf Jos-