Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 2 (1920-1921)
- Issue
- 4-5 (1.1921)
- Date
- 1921-01-01
- Page
- Seite 76 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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Babylonier, Amoriter, Assyrer, Araber, Meder, Perser. Macedonier, Parther. Mongolen, Seldschucken, Tataren, Türken. Welle auf Welle und Staat auf Staat am Nil, in China wie in Indien. — Bei der Unterwerfung lassen sich verschiedene Stufen unterscheiden, obwohl natürlich die eine oder andere manchmal im Sturmlauf der Eroberung übersprungen wird. Die erste Stufe bilden die bekannten Massenraubzüge,. wie sie Europa vor allem durch die Hunnen, Avaren, Ungarn, Tataren, Mongolen und Türken hat erleiden müssen. Außer furchtbaren Verheerungen haben sie keine dauernden Folgen. Die zweite Stufe stellt das Stadium dar, wo die Nomaden die seßhafte Bevölkerung nicht mehr totschlagen oder verschleppen, sondern sie nur regelmäßig ausplündern; — weil sie sich selbst dabei besser stehen. Nur wer mit dem Bauern als Arbeitstier wirtschaftet, kann dauernd ein Herrenleben führen. Im Hebräischen liegt der Zusammenhang zwischen dem Sklaven ewed und der Arbeit awodah auf der Hand; in den slawischen Sprachen besteht derselbe Zusammenhang, und das Wort Arbeit soll ursprünglich die Mühsal des Unterworfenen bezeichnet haben. — Allmählich wird das Arbeitstier so weit gezähmt, daß es nicht dauernd mit dem Stachel angetrieben weräen muß. Der Bauer liefert seinen Ertrag selbst als Tribut ab. Es bildet sich ein festes Verhältnis zwischen dem Teil, den er behält, und dem, den er abgibt Gewohnheitsrecht der erste Keim alles staatlichen Rechtes, ist entstanden. Das Recht ist nach dem berühmten Worte Rudolf von Iherings, „die_PoHtikjder Gewalt", die Selbstbeschränkung der Gewalt. Also die Herrscher setzen selbst der Ausübung ihrer Macht Schranken, das Macht Verhältnis wird zum Rechtsverhältnis. Die damit verbundene gegenseitige Anerkennung wird nun entscheidend, wenn die räumliche Vereinigung der beiden Gruppen stattfindet In den meisten Fällen findet jetzt eine gewaltige Umwandlung statt: aus den verschiedenen Stämmen werden die Klassen eines Volkes, aus Siegern und Besiegten Militäiadel und Volk. Das geschieht dadurch, daß in den Besiegten der Wille zum Volke ge- ■ brechen ist und sie sich in allen Teilen den Siegern fügen und anpassen. Weil die Erinnerung an die Staatsentstehung beiden Teilen, besonders dem unterlegenen, unangenehm und schmerzlich ist, wird sie aus dem Bewußtsein verdrängt Es ist doch ehrenvoller, sich von einem Herrscher „von Gottes Gnaden4* als von der Bajonette Macht regieren zu lassen. Und für die herrschende Klasse bedeutet die Unterstützung seitens der Kirche eine gewaltige Stärkung ihrer Macht. Jetzt, wenn die Priesterstellen mit zu- /erlässigen Männern besetzt sind, hat die Kirche irdische Macht und der Staat beherrscht die Seelen. Wenn so Wunder, Geheimnis und Autorität n die Hände derselben Menschen gegeben sind, können sie allem die Richtung geben. Dazu erhöht die Herrenklasse sich selbst zum besseren, tüchtigeren, »chöneren Menschenschlag; Mut und Kriegstüchtigkat gelten ihr als die einigen Tugenden; und da die Knechte nur Herren sein wollen, wird die Sprache und die Sitte, die Religion und die Moral der Sieger von den Unterworfenen angenommen werden — selbst das ästhetische Ideal wird sich an der Gestalt der Sieger bilden. Auf diese Weise sind Sprachen und Religionen in kurzer Zeit vom Erdboden verschwunden; von Furcht und Eitelkeit bestimmt, man ab, besiegten Göttern zu dienen oder die Sprache der Unterworfenen ta 76