Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 2 (1920-1921)
- Issue
- 4-5 (1.1921)
- Date
- 1921-01-01
- Page
- Seite 75 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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III. Der Staat. Der Kampf ums Dasein zwingt jedes Wesen zur Anpassung an die umgebende Natur. So müssen die Bewohner der Küsten zu Fischern und Seefahrern, die der Steppen zu Hirten werden, während in wildreichen Gegenden Jägerstämme und in fruchtbaren Tiefländern Hackbauern leben können. Die Art, den Lebensunterhalt zu gewinnen, bestimmt die ganze Lebensweise und gesellschaftliche Ordnung. Der Jäger, der 'am besten allein oder in kleinen Gruppen jagt, braucht und hat keine feste Organisation. Die ganze männliche Gesellschaft ist gleichberechtigt, nur die Zauberer haben einige Macht. Wo freie, primitive Bauern mit der Hacke den Boden bearbeiten, wohnen sie in einzelnen Gehöften oder Dörfern weithin zerstreut, nur locker von dem Bande zusammengehalten, das ein Gefühl gleicher Abstammung und Sprache und gleichen Glaubens um sie schlingt. Dazu ist der Bauer bodenständig wie die Pflanze, die er baut, und außerstande, angriffsfähige Kriegsorganisationen auszubilden. Hirten dagegen und Seefahrer sind an feste Ordnung ihrer ganzen Lebensweise gewöhnt Der Hirtenstamm — die Seefahrer darf ich hier, wo nur die Hauptlinien gezeichnet werden, übergehen — kennt zunächst schon durch den Herdenbesitz größere wirtschaftliche Unterschiede, als sie sich bei Jägern oder Bauern bilden können. Aber das entscheidende Moment liegt darin, daß der Hirt sich am vorteilhaftesten im großen Zuge bewegt, in dem der einzelne am besten geschützt ist, und der in jedem Sinne ein Heereszug ist, wie der Rastplatz ein Lagerplatz. Ein so streng disziplinierter Zug, wo jeder Mann seinen festen Platz einzunehmen hat, ist uns ausführlich beschrieben in 4.Mose II, das endet: „Und die Kinder Israel lagerten sich unter ihre Paniere und zogen aus. ein jeglicher in seinem Geschlechte nach seinem Vaterhaus". Diese Hirtenstämme, denen die Kriegszucht wirklich in Fleisch und Blut übergegangen ist, sind im Krieg unwiderstehliche Kämpfer. Deshalb liegt ihnen auch der Uebergang zu Raub und Krieg so nahe, daß „der Nomade als Hirt ein wirtschaftlicher, als Krieger ein politischer Begriff ist. Und der Hirt entdeckt, daß unrecht Gut am besten gedeiht, daß man von eigener Arbeit nicht so lebt, als von der Ausbeutung! Aber wer muß sich das von ihm gefallen lassen? Der Jäger weicht in unzugängliche Gegenden aus. Nur der Bauer ist bodenständig, der Bauer ist an stete Arbeit schon gewöhnt, der Bauer ist zur Ausbeutung „wie geschaffen4*. Denn ..was ihm, dem Fleißigen und Geschickten fehlt, der Willen und die Kraft zu herrschen, der kriegerische Geist und der Sinn für staatliche Ordnung und Unterordnung, das gerade haben die energischen, herrschsüchtigen Steppenbewohner. Der Bauer muß sich unterwerfen und seinem Besieger Tribut leisten: so entsteht der Staat; er ist zum mindesten ursprünglich eine gesellschafüiche Einrichtung zur — militärisch nach innen und außen gesicherten — wirtschaftlichen Ausbeutung d*r Besiegten durch die Sieger. „So haben wir also im wesentlichen als Triebkraft aller Geschichte, als Entstehungsgrund aller Staaten zu betrachten den Gegensatz zwischen Ackerbauern und Hirten, zwischen Arbeitern und Räubern, zwischen Tiefland und Weidesteppe* (Franz Oppenheimer). Ueberall bricht ein kriegerischer Wüdstamm über die Grenzen eines schwächeren, setzt sich als Adel fest und gründet einen Staat. Im Zweistromland Welle auf Welle und Staat auf Staat: 1A