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Blau-Weiss-Blätter · 1921-01-01 · 4-5 (1.1921) · p. Seite 73

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Journal
Blau-Weiss-Blätter
Volume
2 (1920-1921)
Issue
4-5 (1.1921)
Date
1921-01-01
Page
Seite 73 (sequence 19)
Language
German
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tiere, die ihr Hab und Gut» ausmachen. Die Araber kennen nicht nur für das junge, das alte oder das starke Kamel, sondern selbst für „Kamelfütterung am fünften Tage* je ein Wurzelwort. Jede Berufsgruppe schafft sich ihre eigenen Ausdrücke; die „Jägersprache" hat andere Dinge zu bezeichnen als die Bauern¬ oder Schiffersprache. Von der Natur des Landes werden auch die abstrakten Ausdrücke bestimmt. Denn es heißt vom menschlichen Geist: „Von den Sinnen her kommt erst alle Glaubwürdigkeit, alles gute Gewissen, aller Augenschein der Wahrheit" (Nietzsche). Von den Sfcnen her kommt jedes einzige Wort. Die Begriffe entwickeln sich allmählich aus den Anschauungen, die sie verdichteten und die Verbindung reißt nicht ab.1 el ist im Hebfä4$chen das Ziel, dem man zustrebt, auf das man sich richtet: körperlich oder seelisch; deshalb kann man so ein Wort nicht übersehen: es ist „tolo coelo" anders als das deutsche Wort Gott. Die griechische Polis ist auch etwas anderes als die deutsche Stadt: das griechische Wort ist vom südländischen Getriebe des Marktes genommen, das deutsche von den stehenden Häusern, in denen man im Norden lebt. Außer auf Sprachgebiet und Sprachinhalt wirkt die Natur sicherlich auf das Lautmaterial. Doch ist hier nur ein Hinweis, kein Nachweis möglich. Wer etwa den Klang der englischen Sprache mit dem der griechischen vergleicht, wird gewiß daran erkennen, welches Volk den häufigen und dichten Nebel um sich hat, und welches unter einem leuchtend bunten Himmel lebt. Die menschlichen Sinne sind, scheint es, nicht so gaDZ unabhängig voneinander, wie wir ja auch ebensowohl von einer »hellen* Farbe wie von einem „hellen* Klange sprechen. II. Die Religion. Den Zeiten, in denen Völker entstehen, ist Religion nicht eine von mehreren möglichen Verhaltungsweisen, sondern sie umfaßt das gesamte geistige Leben — die Kunst, die Wissenschaft, die Phüosophie — und greift allgemein an die tiefsten seelischen Bereiche. Die Religion hat zwei verschiedene Grundr kräfte und zwei verschiedene Grundformen. Den tiefen Seelengrund, auf dem das religiöse Gefühl mit dem sozialen und nationalen sich mischt und durchdringt, hat Simmel wundervoll gezeigt. Das Verhalten der Seele zur Gottheit und das zur Gemeinschaft entspricht einander.' Liebe und Entfremdung, Demut und Genuß, Entzückung und Reue, Verzweiflung und Vertrauen empfindet der Mensch für Gott wie (für die Volksgemeinde. Und deshalb wird das Gemeinschaftsleben von einem religiösen, die Religion von einem nationalen Gefühl gehoben und getragen Die gleichen Seiten des Gefühls werden aber, so scheint es, auch von der Liebe angeschlagen und so klingt im religiösen Chor auch dieser zariere Ton bald laut und vernehmlich, bald nur in leisen Schwingungen mit, während der männliche Ton der Gemeinschaft gewallig anschwillt Nur so erklären sich die beiden Grundformen der Religion in der Geschichte. In der ganzen antiken, semitischen wie griechisch-römischen Welt erhob sich die Religion als Staats- und Stamm esangelegenheit; der Gott verschmolz meist ohne weiteres mit den Interessen der politischen Gruppe, die 73

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