Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 2 (1920-1921)
- Issue
- 4-5 (1.1921)
- Date
- 1921-01-01
- Page
- Seite 72 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Wir folgen der Weisung Fichtes und suchen das Gesetz, das aus loser MtLgt ein Volk macht, durch Betrachtung der drei elementaren Bedingungen^-; besoidsrs in ihren Beziehungen zur Natur, zu begreifen. "*•• I. Die Sprache. Wie der menschliche Geist überhaupt dem Willen Untertan ist* so dient die Sprache dem Lebenswillen der Gemeinschaft und paßt sich den Lebensbedingungen an. So ist die Sprache viel weniger bedingend als bedingt» und venr-ag gewiß niemals, die Menge zum Volke zusammenzuschließen. Anderer- , seits aber hinterläßt jeder Eindruck, gerade in einem so nachgiebigen Stoffe die deutlichste Spur, und wir finden in der Sprache die innere und die äußere Natur eines Volkes mit wunderbarer Klarheit ausgeprägt Den Willen eines Volkes — wenn ich das Wort Willen immer in ähnlich weitem Sinne wie Schopenhauer gebfauchen darf — aus der Sprache abzulesen, ist eine große, nicht in diesen Rahmen gehörige Aufgabe. Hier betrachten wir an der Sprache nur die unmittelbaren Wirkungen, die die Natur auf sie ausübt, und zwar vor- . zuglich in zwei Richtungen: einmal auf das Sprachgebiet und sodann auf den Sprachinhalt. _ Ueber die Entstehung der großen Sprachfamilien wissen wir wenig; jedenfalls ist zur Herausbildung solcher Unterschiede eine Jahrtausende währen de räumliche Trennung und ganz verschiedene Lebensform nötig. Die Entstehung der einzelnen Sprachen und Mundarten geht etwa so vor sich: Die natürliche Entwicklung der Sprache ruft dauernd mannigfache, lautliche und formale Neubildungen hervor. Solche Neuerungen pflegen zunächst an einzelnen Punkten aufzutreten und sich von da aus strahlenförmig auszubreiten, aber nicht mit schrankenloser Freiheit, wie etwa die Wellenringe, die ein Steinwurf auf der glatten Oberfläche eines Sees hervorruft. Denn niemals bilden die Ländesbewohner eine völlig gleichmäßig zusammengesetzte Masse. Die naturliche Gliederung des Landes durch Gebirge, Flösse und Meeresbuchten, die durch die ungleiche Ausstattung der Naturgebiete verursachte Verschiedenheit der Erwerbsverhältnisse, die Gruppierung um verschiedene Kultstätten — all das führt mit Notwendigkeit zur Bildung kleinerer, sich eng zusammenschließender Verbände. Damit ist für die einzelne sprachliche Neubildung das nächste Gebiet ihrer Ausdehnung gegeben und oft scharf umgrenzt Wenn nun mehrere sprachliche Veränderungen und Neubildungen durch eine und dieselbe Sprachgrenze aufgehalten und auf dasselbe Gebiet beschränkt werden, so verdichten sie sich hier zu einem völlig ausgeprägten Dialekte. Je unwegsamer und verkehrsärmer ein Land, desto stärker ist die Dialektbildung; In der von Gebirgen wild zerklüfteten Kolchis (am Kaukasus) zählten die Römer dreihundert verschiedene Sprachen 1 Derjenige Dialekt, der im größten oder am dichtesten bevölkerten Teile gesprochen wird, kann zur Schriftsprache werden; die viel größere Breite Norddeutschlands prädestinierte das Norddeutsche gegenüber dem Süddeutschen zur Schriftsprache! Die Natur bestimmt in weitestem Maße auch den Sprachinhalt. Die Lebenswichtigkeit einer Gruppe von Anschauungen oder Begriffen bestimmt den Wortreichtum, der ihr zukommt. So haben die Samojeden ein Dutzend verschiedener Ausdrücke für die grauen oder braunen Farbtöne ihrer* Renn- 72