Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 2 (1920-1921)
- Issue
- 4-5 (1.1921)
- Date
- 1921-01-01
- Page
- Seite 60 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Wir sind ein Wanderbund. Im Mittelpunkt unseres Lebens steht die Fahrt Was das ist, kann ich nicht sagen; es läßt sich vielleicht überhaupt nur sagen was sie nicht ist Nur zwei kurze Gedanken I Wichtiger als tiefsinnige Gespräche zu führen ist es, Augen und Ohren aufzumachen. Und dann; was ist doch die Fahrt für den Zug! Einzig durch die Fahrt kann er werden jene starke und innere Geschlossenheit, die das A und O ist Damit ist schon das Veihältnis zwischen Wanderung und Heimabend berührt, das vor zwei Jahren noch debattiert wurde und das sicherlich auch heute noch oft Problem, bestimmt aber uberall ein anderes ist Nun, ich meine, daß in dem Bund, wo die Betonung in diesem Verhältnis auf dem Heimabend liegt, irgend etwas schief ist Wobei nicht das mindeste gegen den Heimabend ausgesagt ist. Ueber ihn will ich jetzt ausführlicher sprechen.. Seine Eigenart zu kennzeichnen ist heute schwieriger als je. In unserm Leben, das längst keine „Veranstaltungen" mehr kennt und somit den Heimabend auch nicht mehr als die Zugzusammenkunft, wo alles besprochen wird, heute, wo vielmehr die Innigkeit des Zusammenlebens das tägliche Einandersehen und Miteinandersprechen selbstverständlich gemacht hat, — was hebt in unserm Leben den Heimabend aus ihm heraus? .Denn der Heimabend ist doch nicht »auch* eiu Gespräch wie alle andern, sondern etwas ganz Bestimmtes! Ist der Heimabend das gleiche wie der „Kurs"? Die Frage stellen heißt sie schon beantworten. Es mag sein, daß es mehr oder minder Gruppen von Heimabenden geben kann, die durch ihren systematischen Zusammenhang einem Kurs ähnlich sind, und vielleicht befinden wir uns aus sehr tief liegenden Gründen in einer Entwicklung hierzu. Aber ein Kurs im eigentlichen Sinne wird doch immer etwas anderes sein, immer etwas Unterrichtsmäßiges und Unpersönliches, jedenfalls einen Charakter haben, der nicht ausschließlich vom Zugcharakter bestimmt wird. Nun, der Heimabend eröffnet den Zugang zum Stoff. Wozu eigentlich Stoffe? Diese Frage war der Inhalt von dem, was gestern Erich Buchholz gesagt und im Begriff seines Bildungsideals zusammengefaßt hat. Nicht blütenhaft aus sich selber heraus wird man, sonders das, was in einem ist, entfaltet sich erst an der Bewältigung einer Sache. Und indem man diese zu erfassen trachtet und nicht eher ruht, bis man sie in ihrem Wesen gepackt hat, gewinnt man die Sicherheit in der Welt zu stehen und die Freude in ihr stehen zu wollen. Alles, was einen umgibt, soll angefaßt und erkannt werden; mit jedem neuen Ding geht einem eine neue Welt auf und erwirbt man einen neuen Reichtum seiner Seele. Hier gilt es für uns noch sehr, uns von der Vorherrschaft des Klangvollen und Großartiges zu tefreies* mitvandern Worten, das Glück der kleinen Dinge zu entdecken. Eis großer Teil unter Euch weiß ja noch gar nicht, was ein Weg, eine Straße, ein Stein, eine Pflanze bedeutet und was an ihnen und an hunderterlei anderem mehr zu sehen ist. Sicherlich ist die Lust, sich immer mit den großen Frage%_jnft Sozialismus, mit der Idee desjTOents und fast ausschließlich mit ihnen herumzuschlagen, ein wenig abgeebbt, aber ist man sich dennoch üBeralTklar daiüber. daß es für den Heimabend näher liegenderes und sicherlich auch fruchtbareres gibt? Denn wie sehr die Aelteren mit den »großen Prägen* sich auch beschäftigen mögen und sollen — ich spreche gegen sie ebenso wenig als vorhin etwa gegen den Heimabend— in der Art, wie sie zumeist betrachtet, selbst 60