Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 2 (1920-1921)
- Issue
- 3 (12.1920)
- Date
- 1920-12-01
- Page
- Seite 34 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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härten helfen. Sie wissen alle, daß der Gedanke, die judische Jugend zu produktiver Arbeit zurückzufuhren, zuerst von assimilatorischer Seite ausging. In den achtziger Jahren waren es in Deutschland hannoversche Männer, die die Initiative zur Ausfüh- rung dieser Idee ergriffen. Sie entwickelten in allen Großstädten eine großzügige Propaganda durch Wort und Schrift, regten die Gebefreudigkeit für die gute Sache in der jüdischen Oeffentlichkeit an und versuchten durch alle organisatorischen Mittel, die Idee Gemeingut der deutschen Judenheit werden zu lassen* Der Kampf richtete sich in erster Linie gegen den Antisemitismus, und sie glaubten ihn am ehesten dadurch unwirksam zu machen, daß sie gegen die Uebethandnahn,e des Kleinhändler- und Hausierertums in den eigenen Reihen ankämpften. Sie wollten in der jüdischen Jugend Sinn für die Arbeit im Freien und Freude an der handwerksmäßigen Betätigung wecken. Zu diesem Zweck führte man zunächst in den Lehrerseminaren Hannover, Cassel, Berlin Kurse für Gartenbau und Handfertigkeit ein, damit bald genügend Lehrkräfte zur Verfügung standen» die die Idee zur Tat werden ließen. Aber, schon bei diesem ersten praktischen Versuch zeigte sich die Unzulänglichkeit der Organisation und die Oberflächlichkeit, die die jüdische Oelfentlichkeit für die Sache an den Tag legte. Im theoretischen Schulunterricht und in den von hohen Häusermauern umgebenen Schulgärten konnten die Erzieher in den ihnen anvertrauten Kindern unmöglich Sinn für Natur und Freudigkeit am Gartenbau erwecken, zumal ihre eigene Erziehung begreiflicherweise in dieser Hinsicht recht mangelhaft.war. Günstigenfalls konnte dieser Unterricht als ein neuartiges Spiel angesprochen werden, an dem die Kinder ihre Freude hatten, ohne daß es irgendwie entscheidend ihren Lebenslauf beeinflussen konnte. Und wo es wirklich einmal vorkam, daß der in die Kinderherzen gelegte Samen Wurzeln faßte, da sorgten schon die Eltern rechtzeitig dafür, daß der Keim nicht triebfähig wurde. Das Vorurteil gegen jede manuelle Berufstätigkeit war bei den jüdischen Eltern vorherrschend und wirkt noch heute immer hemmend auf die Entwicklung der Berufsumschichtung. Diese oberflächliche Interessiertheit der jüdischen Oeffentlichkeit und die Mängel der Organisation erkannte Konsul Simon, der Fuhrer der damaligen Bewegung, rechtzeitig und ging bald daran, etwas Neuartiges zu schaffen. Im Jahre 1893 gründete er die Erziehungsanstalt Ahlem, zunächst als einen Gartenbaubetrieb mit allen Zweigen einer gut organisierten Handelsgärtnerei, in der schulentlassene jüdische Jungen Aufnahme fanden. Die Hauptbedingungen für die Aufzunehmenden waren ein Alter von 14—16 Jahren» körperliche Gesundheit und geistige Gewecktheit Um seiner Idee nachhaltigen Erfolg zu sichern, gliederte er dem Gartenbaubetrieb ein Landheini an, und hier sollten schulpflichtige Kinder Aufnahme finden, damit diese dort spielend leicht sich das Maß von Handfertigkeit aneignen sollten, das christlichen Kindern gewissermaßen mit in die Wiege gelegt wird. Das frühzeitige Miterleben 4er Natur, der Umgang mit Pflanzen und Blumen sollten in den Kindern die Liebe zum künftigen Beruf heranreifen lassen. Er wallte die jüdische Jugend zur Bodenkultur und zur einfachen Lebensweise erzogen wissen, deshalb nannte er sein« Gründung Erziehungsanstalt. Wenn der erwartete Erfolg gemessen an dem Aufwand von Mühe und Geld genug war, so ist Simon gewiß nicht die größte Schuld zuzumessen. Sein Wollen war folgerichtig und gut, aber, wie schon früher bei der Einführung der Gartenbaukurse 34