Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 2 (1920-1921)
- Issue
- 1-2 (10.1920)
- Date
- 1920-10-01
- Page
- Seite 30 (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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nur an die Anfangsstrophe von „Hoj eres moledet*, der die Melodie* eines Irgend* wie russischen Militärmarsches (manche behaupten, es sei die schwedische Na« tionalhymne) beigegeben"ist, und an die blasse, ganz unoriginelle Färbung der' meisten Lieder. Wenn einmal ganz selten ein starker Klang durch ein Lied gf ht, enttäuscht der banale Text, in dem ganz unjüdisch mit betonter Tendenz k' iegerische Instinkte vorherrschen. Ueberhaupt ist es bezeichnend, daß von den 23 hebräischen Liedern des Blau-Weiß»Liederbuches 13 reine Tendenzlieder sind, in denen von stammelnder Sehnsucht, immer gleicher Hoffnung, von Ackerduft und Schwertgeklirr mit so starker Häufung gesungen wird, daß der bewußte Wille des gelehrten Verfassers sich nur zu deutlich aufdrängt. Von den übrigen Liedern entstammen 3 dem profan-xeligiösen Fesfkanon, die anderes lassen unter Bildern einer fremden Natur, unter den abstrakten Farben eines nur vorgestellten Himmels, alle Beschränkungen erkennen, die dem entarteten jüdischen Galuthgefühl eigentümlich sind: Uebermaß von Abstraktion, merkwürdig barter und reizloser Witz und bewußt gemachte Kindlichkeit, die bei diesen Pseudo-Volksliedern besonders peinlich wirkt. Nur zwei bis drei Lieder bilden eine einigermaßen faßbare Einheit. Daß die Melodien ganz unoriginell sind, und selbst in ihrer Unoriginalität ganz selten eigenen musikalischen Wert darstellen, ist eine unleugbare Wahrheit. Gleichwohl muß das hebräische Lied in diesem Stadium des Ueberganges zum Hebräischen milder beurteilt werden, als seinem inneren Werte entspricht. In unserer besonderen Lage hat das hebräische Lied eben doch ein anderes als nur kulturelles urd künstlerisches Interesse — es erweckt die Liebe zum Hebräischen und ist rein sprachlich der Ausdruck eines entschiedenen Palästina will en s, wenn es auch noch kein Ausdruck unseres Lebens sein kann Unter diesen Voraussetzungen, welche eine Kultur des jidischen Liedes i im Blau-Weiß verbieten, und das hebräische Pseudo-Volkslied in seinem nur relativen Wert erscheinen lassen, wird der Ruf nach dem Biau-Weiß-Liederbuch nicht anders als ablehnend zu beantworten sein. Indem das jüdische Lied bei einer Anerkennung der entwickelten Grundsätze für ein Blau-Weiß-Liederbuch nicht mehr in Betracht kommt, das hebiäische Lied aber zum mindesten keinen Anspruch auf wirklichen Wert und jüdische Eigenart machen kann, wird die Möglichkeit, dem Liederbuch durch Volksschöpfungen von selbständiger Bedeutung eine wirksame jüdische Note zu geben, illusorisch, und es bleibt nur noch die bunte Fülle des deutschen Volksliedes, das von jeher das wahrhaft bildende musikalische Element im Blau-Weiß gewesen ist. Takt ued kritischer Blick untersagen für ein Blau-Weiß-Liederbuch die Beschränkung auf das deutsche Lied mit gewisser Berücksichtigung des hebräischen Materials — jenes kann von. uns nur einfach übernommen, aus besseren Sammlungen abgeschrieben werden, und dieses darf nicht als allein gültiger Vertreter einer jüdischen Volksmusik auftreten. So ergibt sich der Verzicht auf ein eigenes Liederbuch niit zwingender Logik. Und niemand bilde sich ein, durch solche Resignation werde die Gesangskultur irgendwie empfindlich getroffen oder gar unterbunden. Fast das Gegenteil ist richtig: Durch die Verpflichtung, selbst nach dem Wertvollsten suchen zu müssen, wird der kritische Sinn geschult und der musikalische Spürsinn mannigfach entwickelt. Wenn dennoch im Verlauf der allerletzten Zeit die schöne Blüte der San- 30