Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 2 (1920-1921)
- Issue
- 1-2 (10.1920)
- Date
- 1920-10-01
- Page
- Seite 29 (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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jlrbfeilen einer bedrückenden Vergangenheit befreiend erlöst und sehnen sich nach keiner Ruckverwandlung, nach keiner Assimilation an das Ghetto, in einer noch so bestrickenden, gemütvollen Form. So erhält die Theorie hier von der Wirklichkeit her vieles Licht, und es erhellt, daß ebenso wie die westdeutsche Jugend in Palästina dem leidenschaftlichen Jidischismus einen leidenschaftlichen Hebraismus entgegensetzen wird — und dieser Kampf wird mächtig ausgetragen werden — sie auch dem ostjüdischeif Lied mit ihrer eignen, heller gestimmten Sangesfreudigkeit begegnen wird. Das deutsche Lied wird unterirdisch so lebendig fortwirken und fortzeugen, wie die assimilierte europäische Kultur, und dem betonten östlichen Moll wird der westliche Dur sich entgegen stellen. Wie und woher aber das Neuerer schöpferische Strom eigener und fruchtbarer musikalischer Form sich gestalten wird, können wir nicht entscheiden, alle Möglichkeiten in diesem Bereich liegen zu sehr im Dunkeln; doch wenn ich hier andeuten darf, wo für mich leise Hoffnungea einer Wiedergeburt jüdischer Musik" aus der Fülle der gesamten Formen, durchtränkt von den überkommenen und ehrwürdigen Elementen unseres vergangenen geheiligten und verfluchten Lebens ruhen, dann will ich gestehen, daß ich gewisse Zusammenklänge aus diesem Hin- und Widerwirken der in enger Gemeinschaft zusammengeschlossenen westlichen und östlichen Menschen erhoffe. Wie aber solche geheimnisvollen Uebergänge im Hingang des täglichen wirklichen Lebens und Schaffens sich absichtslos und ganz unmerklich abspielen werden, ist unvorstellbar — vor solchen Bildern können wir nur still verweilen. Wenn wir nun folgernd und abschließend uns zur Frage des Blau-Weiß- Liederbuches wenden, wird deutlich, wie sehr durch solche ablehnende Haltung gegenüber - dem jidiseben Volkslied die Möglichkeit, im Lied jüdischem Geist — und noch mehr jüdischem Fühlen — näher zu kommen, sich verändert. Der Vorschlag Kaufmanns, ein Liederbuch mit deutschen und erlesenen jidiseben Liedern einwandfrei sowohl in Uebertragung, als auch in musikalischem Gehalt herauszugeben, hätte uns hier vieles sehr leicht gemacht, allerdings unter der Voraussetzung, daß wir wirklich geneigt wären, ernsthaft uns dem Wege der vorgeschlagenen Assimilation zu nähern, denn für nur spielerisches oder romantisches Genügen läßt solche Entscheidung keinen Raum mehr. Wenn aber nach allem, was ich bisher versucht habe darzulegen, dieser Weg ungangbar ist, unwirklich-theoretisierende Voraussetzungen hat und mit der Tätsächlichkeit unseres Lebens, Denkens und Wollens nicht zusammenfällt, dann können wir nur resignieren und endgültig falsche Hoffnungen aufgeben. Mancher wird sich' hier auf das hebräische Lied berufen, von dem nicht gesprochen wurde, aber hier trifft Kaufmann durchaus das Richtige, wenn er dieses nichts weniger als originale und volkstümliche Gewächs eines nationalen Enthusiasmus mit scharfer Kritik ablehnt. Jenem allgemeinen und grundlegenden Fehler der Künstlichkeit, der bewußten Mache, entspringen alle anderen Verunstaltungen und überhaupt die ganze Unnatur, die dem Erkennenden diese Erzeugnisse gelehrten Zusammenbastelns fast durchweg ungenießbar machen müssen. Besonders leichtfertig ist man bei der Untei legung der Melodien verfahren. Man erlebt auf dem Gebiet des hebräischen Liedes hier unglaubliche Dinge. Einzelheiten hier näher zu beleuchten, ist ganz unmöglich, da, um hier anschau- Ich zu sein, Proben und detaillierte Analyse» unumgänglich wären. Ich erinnere 29