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Blau-Weiss-Blätter · 1920-10-01 · 1-2 (10.1920) · p. Seite 28

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Journal
Blau-Weiss-Blätter
Volume
2 (1920-1921)
Issue
1-2 (10.1920)
Date
1920-10-01
Page
Seite 28 (sequence 28)
Language
German
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hafte und der jüdisch materialistische, sich selbst grausam bewitzelnde Humor stößt ihn ab. Alle die als brennendes, lähmendes Erbe empfundenen Eigentümlichkeiten des Ghettos, die auch seinen Geist unbewußt geformt und zerrissen haben und aus denen ihn eine lange Assimilation an die Rundung und harmonische Gesetzlichkeit, an den Bilderreichtum und die schöpferische Kiaft Europas allmählich befreit hat, findet er in ihnen wieder, und der Fülle von Welt, der grenzenlosen Vielheit und Farbe des deutschen Volksliedes stellt sich die unendliche Variation des Ghettoliedes unerlöst und unvergleichbar entgegen. Und vor allem die Sprache. Diese Sprache, trotz vieler Eigenheit, trotz ihrer Kühnheiten und tiefen Lichter, ist die typischste Schöpfung der Diaspora; abgeschliffen und gemodelt im Munde der unterdrückten menschlichen Individuen, voll treffender Wendungen für Stofflichkeit und engen Verlauf des Lebens, aber ungewohnt der leuchtenden und sternklares Worte, der Höhen und metaphysischen Sehnsüchte des Lebens, spannt sie sich sinnvoll nur über den gemäßen engen Raum der Ghettowirklichkeit. In unserm Munde aber wird sie zu archaisch totem, der lebendigen Weiterführung und Steigerung unfähigem, fremdem Stoff — und Form, die außer allem Einklang mit dem Gegenständlichen, dem Darzustellenden, dieses vergewaltigt, führt zu Unwahrheit und Maniertheit» zu blasser Unnatur. Allerdings sind — und darin hat Kaufmann recht — Sprache und Melodie originale Gestaltungen des jüdischen Volksgeistes, aber herabgemindert durch beispiellose kulturelle Verarmung, bedrückt und nur mäßiger Steigerung fähig, Prägungen der os<jüdischen Seele, aber mit allen peinvollen Zügen und Besonderheiten des Ghettos, lebendig nur in jener dumpfen, beengten Atmosphäre, die wohl als schmerzlich und unwilFg durchmessene Vergangenheit, nicht aber als Wunschbild der kommenden Zeiten zu uns spricht Der westjüdische Mensch wird nicht durch die Aneignung des jidischen Idioms, das ihm den Weg zum eigentlichen Volkslied erschließt, auch nur in einzelnen seelischen Lagen jüdisch gesteigert werden. Spontan, ohne äußere Beeinflussung, hat sich die Abwehr gegen das Jargonlied im Blau-Weiß durchgesetzt und wo noch bei seltener Gelegenheit das einzige nicht ganz verdrängte jidische Lied: „Mir heben die Hent" gesungen wird, ist von dessen wesenhafter Färbung nichts mehr übrig geblieben. Kein Ostjude würde die Identität mit dem Original feststellen können — sprachlich und musikalisch völlig west- , lieh assimiliert, hat es jede Beziehung zu seinem Ursprung verloren, es erklingt wie ein deutsches Volkslied und lediglich die stoffliche Bedeutung ist als Bestimmet des geblieben. Ein gesunder Instinkt hat überall auch die letztes krampfhaften Versuche, das jidische Lied zu kultivieren, aufhören lassen, und heute ist die Abneigung bereits so leidenschaftlich, daß man schon voreingenommen jede Regung zu Gunsten des jidischen Liedes als romantische, sentimentale, ja unwahrhaftige Gsste ablehnt und als idealen Typus das derbe Landsknechtslied dagegen In Bewegung bringt. Die letzten Bundestage haben genug Beweise fuf diese vorherrschende Stimmung gegeben. Denn das ist der tiefere Gruna» warum unseren Menschen dai jidische Lied nicht leben kann: daß sie sich schauspielerisch agieren, mit fremdem Gefühl falsche Gebärden vollführen seheo§ hier Ungemäßes betonen, dort Angeborenes verdrängen müssen, wo es sie gerade zu lebendiger, vollkommener Erfassung und Umfassung des flutend wirklichen Lebens hindrängt Sie fühlen sich von den Hemmungen und dunklen 28

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