Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 2 (1920-1921)
- Issue
- 1-2 (10.1920)
- Date
- 1920-10-01
- Page
- Seite 27 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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l ebevoll den Sinn alles Durchgangenen bejahen und sich den neu anquellenden Strömen einer bisher verschlossenen Vergangenheit öffnen, doch nicht, indem eine romantische.Wertung diese gegen jenes ausspielt: mit einem Optimismus, der nicht ewig die nationale und kulturelle Problematik, durchgrübelt, sondern lebendig und mit liebendem Verstehen. alles von den inneren, unerschöpflichen Kräften des jüdischen Menschen—des assimilierten wie des elementarer jüdischen— erwartet, sollen wir an den Aufbau des Landes und der Zukunft gehen, und die bisher wirksamen Sterne eines so wunderbar gelenkten Schicksals werden auch mit uns sein. Laßt sich das Problem der jüdischen Musik nur durch die Aufrollung komplizierter Zusammenhänge in seiner Tiefe begreifen und gibt es im Hinblick auf eine künftige selbständige jüdische .Kultur die ernsteten Fragen auf, so ist es doch von ungleich geringerer, wirklicher, praktischer Bedeutung, als das . jidische Sprachproblem, das dagegen faßlicher und bestimmbarer zu umschreiben ist In dieser Verknüpfung allerdings kann auf das Jidische als Sprache nur so weit eingegangen werden, als es im Zusammenhang mit dem ostjüdischen Volkslied steht; das heißt, die Texte der jidischen Lieder bilden die Grundlage der hier notwendigen Auseinandersetzung. Die Sprache in ihrer eigentlichen Fülle sowohl als Mittel der Verständigung wie auch als Medium, das den Eingang zur osijüdischen Geisteswelt erschließt, muß hier außerhalb der Betrachtung und einer späteren Wertung vorbehalten bleiben. So erstrecken sich auch alle Konsequenzen, die im Verlauf gezogen werden, lediglich auf das Jidische als Sprachelement des jidischen Volksliedes. An die andern selbständigeren sprachlichen Bereiche müssen andere Maßstäbe gelegt werden, denn die bedeutende Rolle, die das Jidische in Zukunft zweifellos auch für den westeuropäischen Juden in Palästina wie auch in manchen konkreten Beziehungen der, Diaspora spielen wird, darf nicht unterschätzt werden — in solchem Zusammenhang wird das Jidische dann allerdings auch für uns noch einmal ein ernstes Objekt der Bemühung; darstellen. Hier dagegen handelt es sich um das jidische Lied, in dem der reinste und innerlichste Gehalt der ostjüdischen Seele sich niederschlägt und widerspiegelt, und das nach Kaufmanns Forderung nun auch Ausdruck der westeuropäischen Seele werden soll. Nur unter dieser Voraussetzung darf das Jidische so betrachtet werden, wie es im Folgenden geschieht. Ich muß vorausschicken, daß es unmöglich ist, in bezug auf die Texte der jidischen Lieder in diesem begrenzten Rahmen so ausführlich zu sein, wie es eigentlich, um zu vollem Verständnis zu führen, notwendig wäre. Das Stoffbereich ist so ungeheuer, daß nur Allgemeinstes ausgesprochen werden kann; wer tiefer in die Dinge eindringen will, muß sich selbst mit der mannigfaltigen Literatur beschäftigen, auf die im Anhang kurz hingewiesen ist. Das jidische Lied ist vollkommenes Produkt des Ghettos. Seine Stoffe, seine Form, Sprachrhythmus und Weltauffassung sind dem westlichen menschlichen Gefühl wie geistigen Bedürfnis gleich fremd. Der innere Bau der jidischen Lieder widerspricht dem durchgebildeten und anspruchsvollen Geschmack; ihre Monotonie, der stereotype Bau ihrer Strophen, die Armut des Milieus, die ^Dge ihrer materialistischen Welt, ja, ihre merkwürdige dämonische Religiosität, bedrücken den westeuropäischen Juden und nehmen ihm den Atem. Ihre rationalistische Art des Sehens, die maßlose Naturfremde, das abstrakt Sprung- £7