Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 2 (1920-1921)
- Issue
- 1-2 (10.1920)
- Date
- 1920-10-01
- Page
- Seite 26 (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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einer Produktivität, die irgendwie im Einklang stehen muß mit der Gesamtheit unseres Gewordenseins inmitten der fruchtbaren Kräfte der europäischen Kultur. Das Jahrhundert, das uns, wie in zahllose andere, tiefen Zusammenhänge, so auch in die Fülle der europäischen Musik hineingeboren hat, ist nicht mit einem einfachen Sprung als ungemäßer weil unorigineller Durchgang zu überwinden — wer das Große einmal besessen hat, dem brennt es grenzenlos in der Seele, Stefan Geo-ges hohe, nur zu oft spielt risch mißbrauchten Verse von der erlebten Flamme sagen auch hierzu das Titfste. Eine neue jüdische Musik wird nur auf dem Fundament der großen europäischen weiter bauen könnt n. Genüg» samktit war nie ein Attribut des Schaffenden, dessen Weg erst im übergewöhnlichen Wollen beginnt und durch keinen noch so beglückenden romantischen Rausch wird die ungeheure Linie, die die innerlichste, metaphysische Kunst fast ohne Anteil des jüdischen Geistes zurückgelegt hat, zu verdunkeln sein. Vielleicht erscheint manchem so weites Ausholen als übertrieben, die Forderungen auf beiden Seiten zu sthr ins Unbedingte, ja Ungreifbae gesteigert, aber sicherlich sieht Kaufmann die Dinge genau so in ihrer allertiefsten Verknüpfung Er glaubt, in der Aufeinanderfolge der Geschlechter werde sich der S.il, das System, die Form bilden, die eine neue Entwicklui g herbeiführen kann. Aber er täuscht sich darüber, daß kein Geschlecht das des verhängnisvollen, resignierenden Uebergangs sein will, das auf die ihm gegebenen hohen Möglichkeiten verzichtet und alles der Willkür einer lai gsäm abrollenden Zeit überläßt. Und auch die Zcit^kann wenig versprechen, wenn so unerhörte Bedingungen, wie sie vorher aufgez igt wurden, über die kulturellen Entäußerungen eines durch unvergleichbare Wandlu» gtn geführten Volkes herrschen, und schon im Wesen, im Gesetz des Stoffes selbst die Grenzen jeder möglichen Entwicklung nur all zu sichtbar in Erscheinurg treten. Wie aber hält die unerklärliche Angst vor der Assimilation, die den Vorkämpfern e*er ostjüdischen Kultut im allgemeinen eigen ist, vor den Beispielen der im ruhigen Ebenmaß und Gleichgewicht gewordenen Kulturen stand, die so kühn entlehnten, verwandelten, das Fremde assimilierten? Und waren es die kraftvollen und selbstherrlichen oder die kümmerlichen Epochen, in denen der unb denklichste Austausch sich vollzog? War dieser Austausch nicht das deutliche Zeichen des gesunden Organismus, der sich auch den fremden Stoff ohne Furcht vor schlimmer Folge einverleiben du fte? Und sind die unschöpferischen» haltlosen Zeiten nicht immer dadurch charakterisiert, daß irgend eine Manier sich übermächtig verdrängt, daß der Geist im großen Bogen um jedes schon Da; ^wtsene geht und eine krampfhafte Originaiitälssucht das freie, selbstsichere Sch: ff,-n von innen heraus überwuchert? Dürer schuf, indem er alle Form* elemt-nte der italienischen Renaissance übernahm und verwandelte, den klassischen deu c ien Stil; so übernahm die christliche Kirche schon in den frühen Zeiten« wo n .ch kein durchgebildetes, starres System jeden fremden Einfluß auf ein M imum von Wirkung beschränkte, orientalischen Myihos und bildete ihn zu innigstem Wesensbtstandteil hrer selbst um, so empfing die deutsche Gotik aus Frankreich ihre bedeutsamsten Stilelemente; wer vollends wie wir durch die Macht einer einzigartigen Geschichte auf solchen Weg der Aufnahme und Entselbstung durch Jahrhunderte gedrängt war, wird sich dem Verhängten nicht durch noch so leidenschaftlichen Widerstand entziehen können. — Er kann nur 26