Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 2 (1920-1921)
- Issue
- 1-2 (10.1920)
- Date
- 1920-10-01
- Page
- Seite 25 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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Weg als falsch erscheint. Und nur in diesem Sinn ist alles Vorangegangene und alles Folgende zu begreifen. Vorangestellt aber sei kurz die wesentlichste Ursache der so entgegengesetzten Standpunkte: Kaufmann ist ungeachtet seines starken nationalen Bekenntnisses — nicht Zionist < Die Leidenschaft, mit der noch immer versucht wird, ein Jahrhundert inteosivsten Lebens, blühender Entfaltung bis dahin bracher oder doch falsch gelenkter Kräfte aus der Geschichte des westeuropäischen Judentums zu streichen ist nichts anderes als ein Symptom der Wende, des verwirrenden Ueberganges aus einem bedrohlichen Stadium geschichtlichen Zerfalls zur ersehnter* Um - schränktheit eines neuen nationalen Organismus Mit Erschrecken gewahrt der zu nationalem Bewußtsein erwachende Jude seine beispiellose Lage inmitten der Galuth, nirgendwo erschließen sich ihm sinnliche Zusammenhänge zu einer selbständigen, selbstherrlichen Vergangenheit — er erkennt, wie Erziehung, Neigung und immer noch bedeutend einwirkende Umwelt ihn von den fruchtbaren östlichen Bereichen, in denen sich durch Jahrhunderte ein eigenes geistiges Leben ausgebildet hat, abtrennen, und es drängt ihn mit Macht, den unauflösbaren Konflikt zwischen Wunsch und Wirklichkeit, zwischep Sehnsucht und gegebenem Schicksal durch einen bewußten. Akt der Entselbstung ur.d Umwandlung zu beenden. So verneint er plötzlich sein Gewordensein und fichV mit krampfhaftem Fanatismus gegen sein früheres Ich, indem er die Anknüpfung an eine gleichsam übersprungene Epoche der jüdischen Entwicklung erstrebt und während er nun überall nicht nur die fortschreitende Auflösung bekämpft (denn das' ist wirklich die vornehmste Pflicht des selbstbewußten jüdischen Menschen), sondern auch die gestaltete Wirklichkeit, die Resultate einer gelebten Assimilation, versucht er an seinem eigenen Selbst eine unvergleichlich willkürlichere Assimilation in umgekehrter Richtung zu vollziehen. * Die positive Stellung dieser willentlichen Umkehr soll nicht verkannt werden, aber sie bleibt in ihrem letzten Wesen ein vergebliches Bemühen, Entwicklung zurückzuschrauben, tatsächlich und unzerstörbar ^Einverleibtes, ja Eingeborenes auszuscheiden, und wie diese Haltung eine fruchtbare Gegenwart und Vergangenheit zersört, dient sie auch keiner sinnvoll sich formenden Zukunft Anders wird diese Zukunft zu eigenem Ursprung zurückkehren. Nicht durch Vergessen, sondern durch Hinzufügen, und auch nicht durch Rückkehr zu einförmigem, abgekapseltem, geschichtlichen Verlauf (der noch dazu durch die eigentümlichsten Bedingungen so unerhört eingeschränkt ist), sondern durch um so leidenschaftlicheres Verlangen und Streben zum Vielfältigen und Beson- . deren, das sich immer an der Einzigkeit des jüdischen Schicksais orientiert. Wir werden uns nicht in dem naiven Glauben beruhigen können, daß lediglich der Anschluß an ein zwar primitives, aber eigenes Stadium jüdischer Entwicklung unseren Zukunftswillen erfüllen wird. Wagt jemand Fortschritt und Aenderung der europäischen Welt,, eine Verwirklichung ihrer sozialen Instinkte von einem Rückfall in die barbarischen oder im übermäßigsten Sinn sozialen Organisationen ihrer Urgeschichte zu erhoffen? Kehren wir mit solchen Blicken zum Problem einer neuen wieder schöpferischen jüdischen Musik zurück, so werden wir zu dem Schluß kommen, daß die Assimilation an das jidische Lied, wie Kaufmann sie fordert, kein Weg ist, der zu diesem Ziel führt, kein naturgegebener Weg zu höheren Möglichkeiten