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Blau-Weiss-Blätter · 1920-10-01 · 1-2 (10.1920) · p. Seite 24

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Journal
Blau-Weiss-Blätter
Volume
2 (1920-1921)
Issue
1-2 (10.1920)
Date
1920-10-01
Page
Seite 24 (sequence 24)
Language
German
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Taktstriche, diese ganze in Reihe und Glied gezwängte Ordnung — dort ist es ein ungezähmtes Ganze, in anderen lockeren Rhythmen hin und her flutend, in anderer Tonalität sich bewegend und in vielen Viertelzwischentönen unbestimm- . bar, ungreifbar geteilt und aufgelöst. *) Ueber die musikalischen Gesetze aber» die hinter dieser Wirklichkeit liegen, ist noch nichts bedeutend Aufhellendes, geschweige denn Abschließendes gesagt worden. Bei solcher Einsicht in den Gang der jüdischen musikalischen Entwicklung wird die Frage nach der Beeinflussung durch die Kunstmusik fast belanglos; wo so ernste Gesetze naturentfernten Werdens auferlegt sind, ist von schöpferischer Befruchtung, von schöpferischer Individualität keine Rede mehr. Daß trotz alledem die judische Musik in ihrer Art geniale und erschütternde Höhepunkte und Wirkungen erreicht hat, wie sie viele synagogale Gesänge, wie sie das jidische Volkslied an vielen Stellen zeigt, wurde schon früher angedeutet und sei hier noch einmal nachdrücklich betont Für die besondere Schönheit dieser Gattungen findet Kaufmann tief bezeichnende Worte und Bilder, und wenn auch mancher leidenschaftslosere Betrachter der ostjüdischen Kultur vielleicht in Einzelheiten anders sieht und wertet — im all gern einen geht Kaufmann eigentlich nie irre, und ein hervorragend entwickelter kritischer Sinn läßt ihn mit oft erstaunlicher Sicherheit über Wert und Unwert entscheiden oder originale Schöpfungen neben badehunischen gehaltlosen Machwerken erkennen. Hier für uns jedoch handelt es sich nicht um lediglich ästhetisches und rückwärts gewendetes Urteil, sondern vielmehr um das Problem, von wo aus wir wieder den schöpferischen Zusammenhang, das natürlich gewachsene Verhältnis zu einer originalen Musik finden, oder mit anderen konkreteren Worten: welche Vorstellungen haben wir von den Fundamenten, die dem jüdischen schöpferischen Musiker das Handwerkszeug zu einem nationalen Schaffen darbieten sollen? Hier geht es um nichts Sachliches mehr. V.¬ Weltanschauung trifft hart auf Weltanschauutg. Und so ist es unumgänglich an dieser Stelle — ehe wir uns zum jidischen Sprachproblem wenden— allgemeiner zu werden und in weiterem Umfang uns mit der Frage unserer Stelling zur Assimilation auseinanderzusetzen Doch handelt es sich hier nicht etwa um das so oft umstrittene Problem einer mehr oder weniger ablehnenden Haltung gegenüber der Tradition, der Vergangenheit, sondern um eine andere brennendere und ganz gegenwärtige Erscheinung. Denn Kaufmann ist esletzten Endes nicht um bloße Wertschätzung oder ästhetische Schulung in Bezug auf das ostjüdische Lied zu tun, sondern über alle solchen peripherischen Absichten hinaus zieHVauch er auf eine nationale Zukunft — und auch hier daif man sagen: Wiedergeburt — hin. Erst hier aber trennen sich die Wege in aller Schärfe. Hörte man solche letzten Forderungen nicht aus jedem Wort Kaufmanns heraus* dann wäre jede Auseinandersetzung un&ngebiacht, unwesentlich Jede persönliche ästhetische Beurteilung ist vorstellbar und muß dem Bekenner ungeschmälert bleiben. Erst wenn die Konsequenzen sich deutlich über das Ganze Inn erstrecken und die leidenschaftliche Tendenz besteht, Einfluß auf die Gestaltung des nationalen Organismus zu nehmen, ist Kampf und Abwehr nötig, safern der *) Sehr fein beobachtet Kaufmann a. a. O. ähnliche Abweichungen beim ostjüdischen Vortrag des jidischen Volksliedes. 24

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