Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 2 (1920-1921)
- Issue
- 1-2 (10.1920)
- Date
- 1920-10-01
- Page
- Seite 23 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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artige Unstimmigkeit: wir haben zwar eine — wenn auch beschränkte und mannigfach verbildete — jüdische Melodie, aber keine entsprechende oder sie bedingende, ja ihre Existenz erst möglich machende Harmonie. Hier erscheint mit schmerzhafter Deutlichkeit das Brüchige unserer musikalischen Vergangenheit, und daß an dieser Tatsache selbst Kaufmann fast vorüber gent, sie nur ganz von fern und unwesentlich streift, war mir immraer unverständlich. Es fehlt uns musikalisch das Entscheidende; unsere Musik — europäisch gesehen — ist ein Umfang ohne Inhalt, ein Körper ohne Skelett, ein Dach ohne Haus. Wie deutlich ist jedem musikalisch Denkenden, daß keine Plastik, keine Prägnanz des musikalischen Ausdrucks bei einem Fehlen aller harmonischen Entsprechung möglich ist, und auch von hier fällt manches Licht auf jrne oft so unerträglich breit ausgesponnenen, nie endenwollenden Melodien des Ghettos, die kein harmonischer Zwang irgendwo zu notwendigem harmonischem Abschluß drängt, wo eine monotone Weise sich unaufhörlich ermüdend auf- und abseckt, sowie auf die fast durchweg fehlende rythmische Zucht und Gliederung. Ueberaus sinnlich aber tritt diese beispiellose Diskrepanz in Erscheinung, wenn in der modernen Synagoge falsche Orgelakkorde in das Recitativ des Chasen einschneiden — plötzlich ist dann der Zauber dieser klagenden Figuren zerrissen, alles was uns doch immer noch wie ein Klang der Urheimat daran bewegte irgendwie verfälscht und vergewaltigt, es bleibt nicht viel mehr als eine hebräische »Arie* übrig. Solches verträgt dann auch den Konzertsaal Und zwischen magyarischen, tschechischen, russischen und andern östlich gefärbten Tonsystemen hat auch die jüdische liturgische Musik einen wenig auffallenden, unbestrittenen Platz.. Oder man erinnert sich von früheren Jahren her der peinlichen Empfindung, wenn jidische Lieder mit Guitarrenbegleitung gesungen wurden -rwie sich da alle Tonfolgen verkehrt oder gar nicht auflösten, wie die Melodie nach ganz andern Weiterführungen verlangte und wie brutal*die gewohnte Schlußk2denz dem verletzlichen Gebilde sein letztes eigenes Dasein abschnitt Die jüdische Melodik gehört in ein anderes, orientalisches-Harmonie- und Musiksystem. .Man wende nicht ein, daß die fixierte Melodie doch völlig In der untergelegten (moll) Harmonie aufgehe, und daß sie als einziges Charakteristische und das europäische Ohr Befremdende ein paar ungewohnte kühne, übermäßige Tpnschritte übrig blieben: das seien dann im ernstesten Falle Durchbrechungen gewisser Gesetze der Stimmführung, die außerdem einem modernen. musikaischen Empfinden so gut wie gar nicht mehr auffielen usw. Nirgends wird der naive Glaube an das, „was man schwarz auf weiß besitzt", zum trügerischeren Aberglauben als in diesem Bereich. Denn wer einmal aus berufenem, das heißt fast immer ostjüdischeai Munde, die Liturgie gehört hat, die ihm bis dahin nur in den schmackhaften Sulzerschen,Lewandowskischen~ westeuropäischen .Bearbeitungen*, umrahmt von vierstimmigem Chor und Orgelbrausen, seit Kindesbeinen eingehämmert wurden, ist für immer von seinem Zutrauen auf die Verläßlichkeit solcher Uebertragungen geheilt Denn das, was sich auf dem Fünfliniensystem in üblicher Notenschrift so brauchbar und gar nicht regelwidrig ausnimmt, ist eine absolute Fiktion: in Wirklichkeit, im Munde des traditionellen Säcgers, bestehen weder diese Intervalle noch Versetzungszeichen, noch diese