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Blau-Weiss-Blätter · 1920-10-01 · 1-2 (10.1920) · p. Seite 22

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Journal
Blau-Weiss-Blätter
Volume
2 (1920-1921)
Issue
1-2 (10.1920)
Date
1920-10-01
Page
Seite 22 (sequence 22)
Language
German
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Wirkung die Linie dieser Entwicklung verstärkt, jene eigentümliche unendliche Melodie, die einen ausgesprochen recitativartigen Charakter trägt und deutlich ihre primitive Entstehung aus dem gesprochenen Wort erkennen läßt Eine seltsame Abwandlung des gesprochenen Gebetwörts, zeigt diese Melodie nur selten etwas von fließender melodischer Gestaltung oder erschütterndem großem Rhythmus — kleine Hebungen und Senkungen, häufig wiederkehrende Intervalle bilden den eigenartigen Nigun, und eine Fülle von architektonischem Ranken* werk, ein Uebermaß von Figurationen und ewigen Ausweichungen sucht die Einförmigkeit, die bloße Abstraktion der musikalischen Linie zu durchbrechen, während die immer wieder kühn auftauchenden übermäßigen Tonschritte ihr die charakteristische orientalische Grundstimmung geben. Zweifellos ist hier nicht alles Hemmungsbildung, stereotype unschöpferische Gestaltung; das östliche Element ist in dieser ganzen Entwicklung, in der sicher bedeutende Urelemente der einstigen Produktion enthalten sind, durch* aus lebendig. Die Monotonie der melodischen Linie» die maßlose Figuration — ein grandioses, oft unerhört gesteigertes Mittel sich aus der bleiernen Lethargie der Gleichförmigkeit aufzuschwingen, die dem Orientalen innerste Natur ist — zeigen alle Merkmale östlichen Formwillens Aber einerx auf das Absolute gerichteten Betrachtung drängt sich immer wieder die Kümmerlichkeit» das Zurückgebliebensein hinter den genialen Formungen der europäischen Musik auf, und nur allzu deutlich spiegelt sich überall die ungemeine Leere einer bedrückten engen Ausdrucks- und Bildungsfähigkeit, deren Besonderheit nur aus den geistigen, materiellen und seelischen Einschränkungen des Ghettos gedeutet werden kann. Dabei soll nicht geleugnet werden, daß in manchen, obschon seltenen Momenten die synagogale Musik und auch das jidische Volkslied solche Bedingungen durchbricht; es sind Stellen, wo eine angesammelte, überreife Leidenschaft triumphierend alle Fesseln zersprengt, wo die beseelteste Melodie sich in reiner großer Form aufschwingt und plötzlich auch hier zwischen Ritus und alltäglich-beengten Strophen sich die metaphysische Kraft des musikalischen Geschehens erfüllt. Solche Höhepunkte aber lassen das Mangelhafte der typischen Bildungen nur um so schmerzlicher empfinden, indem ihr transcendentes, aus vollem schöpferischen Quell entspringendes Wesen die sonst last allgemein durchgehende rationalistische Tendenz üb ^deutlich macht. Zeigt die eigentümliche Form der judischen Melsdie (wenn solche Zusammenfassung erlaubt ist) bei aller Primitivität ihres Werdens und der daraus sich ergefrenden Begrenztheit und Flächenhaftigkeit ihrer Büdurg dennoch eine besondere Prägung, rudimentäre Stücke origir aler Kräfte, so bietet das Bereich der musikalischen Harmonik ein unvergleichlich dunkleres Bild abgebrochener Entwicklung dar. Gleichviel ob man den Ursprung der Harmonie aus der Stimmführung, das heißt aus den Gesetzen der Melodik zu erkennen glaubt, oder sie als den Anfang, das unbewußt Vorhandene alles musikalischen Werdens auffaßt, immer bildet sie den notwendigen wirklichen Untergrund, den metaphysischen Boden auch des melodischen Geschehens. Melodie ohne Harmonie ist ein Widerspruch in sich selbst, Harmonie ohne Melodik dagegen läßt sich gut darstellen. Durch das Aufhören der instrumentalen und chorischen Entwicklung in der jüdischen Musik der Diaspora ergibt sich Jüer eine schlechthin einzig-

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