Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 2 (1920-1921)
- Issue
- 1-2 (10.1920)
- Date
- 1920-10-01
- Page
- Seite 21 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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flächliche Beschäftigung mit diesem komplizierten Produkt einer ganz eigenen kulturellen Entwicklung, aber indem er den Anspruch einer absoluten Wertung macht, es als gleichwertig, ja als gewissermaßen überragend im Rahmen aller andern Volkskulturen betrachtet, scheint er mir den großen Fehler zu begehen, dem alle Ueberschätzer des Ghettos verfallen: er geht an der Fläch enfcafiigkeit und unbedingten Armut der in seelischer, geistiger und Ökonomischer Verbiegung und Entartung gewordenen Kultur vorüber, er will ursprünglich an Entwicklung anknüpfen, die nirgends mit den hohen Blüten, die Europa durch Jahrtausende gefärbt und gewandelt haben, mehr zusammenstimmt, er verliert sich im Rausch des Wiederfindens jüdischer Urelemente, die ihn wieder dem Strom vergangener Geschlechter verketten und in den ganzen schmerzlich ' verloren geglaubten Zusammenhang des Volks einstellen. Aus dieser eindeutigen Weltanschauung heraus fordert Kaufmann mit der leidenschaftlichen Unbedingtheit der von der Idee Ergriffenen, die Einstellung des jidiscben Volksliedes in unser Leben durch eine starke Bemühung um dessen eigenstes Wesen. Versteht man dieses Postulat in seiner umfassenden und verpflichtenden Bedeutung, so handelt es sich hier um die Besitzergreifung zweier mächtiger Gebiete: Vor allem um eine hingehende Einfühlung in die Besonderheit, die uroriginalen Kräfte der jüdischen Musik und besonders der Volksmusik, und weiterhin um ein inniges nahes Verhältnis und lebendigen Verkehr mit der jidischen Sprache, eine Aufnahme ihrer Form, Farbe und Ausdruckswesenheit, ihrer Idiome und merkwürdigen, für den westeuropäischen Juden oft geheimnisvollen Eigenheiten. Zu diesen beiden tiefgehenden Forderungen möchte ich meine eigene Stellung geben, und damit komme ich zum wesentlichen Teil. Die Entwicklung der jüdischen Musik, in deren Gefüge das jidische Lied ein letztes eigenartiges und kostbares Glied darstellt, wird durch einen äußerst komplizierten und oft unauflösbaren Verlauf charakterisiert, der hier noch einschneidender, noch verhängnisvoller als in den übrigen kulturellen jüdischen Rudimenten der Diaspora zu schmerzlichen Lücken und Verkümmerungen geführt hat. Durch drei beispiellose Bedingungen ist*das Schicksal der jüdischen Musik bestimmt ued vollendet worden; - % \ durch das Abbrechen der instrumentalen Entwickelung, durch das Aufhören einer wahrhaft polyphonen Formgestaltung auch im vokalen Gesang und endlich durch den Mangel jeder Befruchtung und Wandlung von einer schöpferischen Kunstmusik her. Die beiden ersten Bedingungen oder besser Einschränkungen sind im Grunde dasselbe und führen zu den gleichen Ergebnissen Das dritte Element verliert im Vergleich mit ihnen sehr an Bedeutung, obwohl es auch deutlich zu spüren ist und in der gesamten europäischen Volksmusik erkennbar hervortritt. Wie das Hypertrophieren, das unverhältnismäßige und einseitige Wachstum überhaupt charakteristisch für die geistige Produktion des Ghettos ist, so such ganz besonders für den in der Diaspora sich abspielenden Formprozeß der jüdischen Musik. Indem die Entwicklung der instrumentalen und vokalen Polyphonie abgeschnitten bleibt, wird einzig und allein der Einzelgesang ausgebildet und hier entsteht im Verlauf der Jahrhunderte, indem Wirkung auf 21