Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 2 (1920-1921)
- Issue
- 1-2 (10.1920)
- Date
- 1920-10-01
- Page
- Seite 20 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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druck unserer eigensten Wesensart geworden. Es ist nicht fibertrieben, wenn wir behaupten, daß sich das jidische und hebräische Lied bei uns mehr als Verständnis, daß sie sich in unserm Herzen einen Platz errungen haben." Wenn Kaufmann dann im Februarheft 1919 der Blau-Weiß-Blätter ausgesprochen findet, man spüre deutlich, „wie die jidischen Lieder immer mehr zurück treten, wie ihr innerstes Wesen dem feineren musikalischen und menschlichen Gewissen der Jungen widerspricht*, dann ist wohl zu begreifen, daß ihn die irgendwo verborgene Lüge, die grenzenlose Oberflächlichkeit offenbar richtunggebender Menschen unter uns aufs tiefste verletzen mußte. Und doch gibt das Zitat aus den Blau Weiß-Blättern eine auffallende Tatsache durchaus. richtig wieder: Das jidische Lied lebt nicht im Blau-Weiss, wenn auch andere instinktive Ursachen des Gefühls diese Abneigung wohl mehr bedingen als bewußt ästhetische Urteilskraft. Die tieferen Gründe dieser eigen* tümlichen Entfremdung aufzudecken, ihre mehr als bloß gefühlsmäßige innere Bedingtheit aus unserer allgemeinsten geistigen Lage und Verhaftung abzuleiten, ja so letzten Grundes die Richtung unseres schöpferisch-jüdischen Kulturwillens anzudeuten, wird die Hauptaufgabe der Auseinandersetzung mit den Forderungen Kaufmanns darstellen.. Ich setze voraus, daß die Weltanschauung, der Kaufmann anhängt, in größerem Umriß durch seine sehr bedeutsamen Aufsätze im Juden, Jerubbaal und auch in den Blau Weiß-Blättern *) allgemein bekannt ist. ' Wie jede selbständige, vielseitig durchgebildete Persönlichkeit kann man auch Kaufmann auf keine erschöpfende Formel bringen, aber ohne Anspruch, seiner Eigenart völlig gerecht zu werden, darf man ihn wohl in einem besonderen Sinn als Jidischisten bezeichnen, als Anhänger jener Idee, die eine ununterbrochene Entwickelung jüdischer Kultur durch die ganze Diaspora, durch das ganze Ghetto annimmt, im Gegensatz zu der Auflösung und Wesenlosigkeit des westeuropäischen Judentums auf die Schätze des ostjüdischen Lebens weist und hur im entschiedenen Anschluß an dies wahrhafte und einzig noch bestehende Jüdische einer weiteren und neuen fruchtbaren jüdischen Entwicklung entgegen zu schreiten hofft. Indem Kaufmann sich zu dieser Idee bekennt, fordert er nicht weniger als die Assimilierung des westeuropäischen Judentums an Osteuropa, und tatsächlich hat er diesen Weg mit einer seltenen Anspannung von äußerstem Wollen und Konsequenz beschritten und ist, um ein Wort von ihm zu variieren, aus einem Goj ein Ostjude geworden. So bedeutsam nun diese Umwandlung als männliches Beispiel ist und so lockend .ahnliche Wertungen des Ost Judentums und seiner kulturellen Bedeutung erscheinen» so sehr dürfen* wir den Blick nicht vor der brennenden Wirklichkeit und den unwiderlegbaren Gesetzen des historischen Gewordenseins mit alten notwendigen Folgerungen verschließen. Mit Recht sieht Kaufmann gerade im jidischen L i e d e die einzige originale jüdische Volksschöpfung von tieferer formgestaltender Bedeutung. Mit Recht geißelt er die unter Westjuden gewohnte ober- *) Inzwischen hat Kaufmann mehrere selbständige Arbeiten erscheinen lassen, die jeder, der sich mit der ostjüdischen Kultur und insbesondere mit dem jidischen Volkslied mehr als oberflächlich befassen will, kennen muss. Diese Schriften sind sämüich in dem als Anhang beigefügten Literaturnachweis aufgeführt und kurz besprochen. . - 20