Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 2 (1920-1921)
- Issue
- 1-2 (10.1920)
- Date
- 1920-10-01
- Page
- Seite 19 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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# So will ich versuchen, an dem immerhin , beschränkten Thema eines Blau-Weiß-Liederbuches mit seinen besonderen Notwendigkeiten, Forderungen und Begrenzungen die Hauptlinien des großen Problems zu verfolgen, das einen wesentlichen und inneren Bezirk' gerade des jugendlichen Lebens ausfüllt und durch viele Verknüpf ungen auch mit den literarischen und eigenen sprachlichen Problemen unserer Zukunft in bedeutsamen Beziehungen steht Ich beginne mit einigen kurzen historischen Daten über die Entwicklungsgeschichte des Blau-Weiß-Liederbuches. Das bisher Geleistete ist in den beiden Auflagen niedergelegt, von denen die erste eine nähere Besprechung erübrigt, da ihr nichts von bewußtem Wollen oder - mehr als dilettantenhaftem Können eigen ist Die zweite Auflage ist zwar das Produkt ernsterer Ueberleguhgen und entsprang der Absicht ein gutes sangbares und vor allem jüdisches Liederbuch zu geben, war aber nicht imstande auch nur im Entferntesten das Bedürfnis höherer Ansprüche zu befriedigen. Abgesehen von der vielfach mißlungenen Form und Gliederung ist das jüdische Material fast durchweg unge» nügend, und während der deutsche Teil trotz sehr häufig mißratener, aufdringlicher Harmoniebezeichnungen naturgemäß manches Gute zeigt, ist das hebräische Lied sehr wahllos und das jidische ohne Verständnis und feineres Gefühl für Wert und Eignung behandelt. Sicher war damals keiner von uns in der Lage solche bedeutenden Schwierigkeiten des Stoffes zu meistern, und die am Liederbuch arbeiteten waren sich der Unvollkommenheit des Geleisteten am stärksten bewußt, so daß Fritz Mordechai Kaufmann in vollem Recht war, als er die selbstzufriedene überhebliche Art des Vorworts zum Liederbuch scharf kritisierte und die Hohlheit und Belanglosigkeit des ganzen Entwurfs aufzeigte, öeberhaupt trat dann durch die Berührung mit Kaufmann, den Wissen, Können und unbedingte Hingabe im besonderen Maß vor den vielen dilettantenhaften nationalen Kunstbetriebsamen auszeichnen, in ein neues, sicher fruchtbares Stadium, und es muß gesagt werden, daß wir eine Zeit lang seiner Logik, der Sicherheit seines musikalischen Urteils in Bezug auf das bstjü^ische Volkslied verSelen. . > t Wenn nun doch allmählich unsere Stellung sich verändert hat und im Gegensatz zu Kaufmanns unbedingter Forderung eine besondere bewuß e Haltung gegenüber dem ganzen jidischen Kulturkreis sich immer mehr behauptet, bleibt der Wert seines Einflusses unvermindert bestehen, indem eine Auseinandersetzung mit ihm gleichviel wie die Entscheidung ausfällt eine vollkommene Auseinandersetzung mit dem Gesamtproblem der jüdischen Volksmusik und ihren schöpferischen Werten überhaupt bedeutet. Nicht zum mindesten hat die ewig zweifelnde entscheidungslose Stellung des Blau-Weiß zum jüdischen Volkslied Fritz Mordechai Kaufmann zu dieser bitteren Kritik gedrängt. Im Vorwort zur zweiten Auflage ist folgendes zu lesen: ^Der wesentlichste Unterschied gegenüber der ersten Auflage besteht in der starken Vermehrung des Schatzes an hebräischen und jüdischen Liedern. Es ist fast vier Jahre her. seit das erste Liederbuch erschien und in dieser Zeit ist unser Verhältnis zu den Liedern unseres Volkes ein anderes, engeres geworden als es damals war. Denn was in der ersten Auflage nur ein Verbuch schüchterner Romantik, ein tastendes Bemühen um die Wiederbelebung des jüdischen Volksliedes für die westliche Jugend war, das ist heute ein Aus-