Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 2 (1920-1921)
- Issue
- 1-2 (10.1920)
- Date
- 1920-10-01
- Page
- Seite 18 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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elementarer, erlebnishafter Einwirkungen noch ganz im Floß, aber die Zeichen einer V/andiung zur Bewußtheil und erhöhten Richtung sind übermächtig zu spüren, und es ist an uns diese Entwicklung immer mehr zu erweitern und zu vertiefen. f Noch eins sei mit besonderem Nachdruck vorausgeschickt: Die meist ganz eng zusammer gefaßten Formulierungen und Werturgen, die sich im weiteren Verlauf auf jüdische und besonders auf ostjüdische kulturelle Komplexe erstrecken, könnten den Eindruck erwecken, als sei für mich mit diesen oft kritischen und kategorischen Armerkur gen aller G*halt erschöpft, als sei eine von von herein feststehende End absieht, eine irgendwie gefühlsmäßige Einstellung zu den Prob- - lernen der jüdischen Kultur entscheidend für die Beurteilung aller hier bewegenden Fragen gewesen Wie dem nicht so ist, wie tiefere Auseinandersetzungen und Verknüpfungen mit den Dingen zu solchen Anschauungen führen, soll hier nicht dargelegt werden. B*i anderer Gelegenheit hoffe ich eindringender, auf engere Stoff kr eise beschränkt, mehr an die Wurzeln führendes über diese und , ähnliche Zusammenhänge sagen zu können. - * ■ ■ * ' ■ '* * . ■ . .. Immer wenn uns inneres Bedürfnis zwingt unserer geistigen und kulturellen Eigenart, unserer besonderen seelischen Lage ins Auge zu sehen, stehen wir vor der selben Leere und Unerschöpfiicbkeit, erleben wir immer von neuem das Tragische unserer eigentümlichen Stellung im Prozeß der jüdischen Entwicklung. Diese Hilflosigkeit, mit der wir rückwärts gewendet Formgewordenes und. grenzenlose Stoffgebiete, in die Zukunft uns versenkend aber grosse, unscharf umrissene Bilder einer neuen selbstsicheren Kultur uberschauen, erfüllt alle Bereiche unseres Lebens und bildet den dunklen Gegenpol zu unserem sonst als einheitlich und kraftvoll empfundenen Gerichtetsein. Wie sehr, wie übermächtig uns solche Richtungslosigkeit bedrängt, fühlen wir an allen Punkten, wo sich der Zusammenstoß unserer trümmerhaften geistigen Vergangenheit mit der Kultur, die uns umfängt, besonders erlebnishaft nnd stürmisch abspielt und zweifellos stellt der Bereich des Musikalischen hier die unauflösbarste und schmerzlichste Problematik dar. Ich kann an dieser Stelle nicht darauf eingehen, in welchem Sinn gerade die musikalische Form, der musikalische Aus» drückswüle Entscheidendes über die Psyche des Volksseins und Volkskönnens aussagt, (manches darüber wird sich im Verlauf ergeben), sondern möchte nur kurz die Gründe berühren, die zu der er gen Fassung des Themas zwingen und leine allgemeinere Aussprache über jüdische Musik überhaupt erlauben. Als wir^ vor vier Jahren in Lockwitz eine kurze und anspruchslose aber anregende Debatte über jüdische Musik hatten, hoffte ich in nicht zu langer Zeit Wesentliches und Weiterführendes (mehr als Andeutungen und Kritik) auf diesem so wenig begangenen Gebiet geben zu können. Leider wat diese Hoffnung unerfüllbar; wir sind auch heute noch nicht in der Lage umfassend und aufschlußreich über Historie, Entwicklung und Entartung, über originale Kräfte der jüdischen Musik Letztes oder auch nur Zentrales sagen zu können; denn hier ist alles neuer Boden und bedarf der ersten aufschliessenden Arbeit. Auch leuchtet die Schwierigkeit ein, Aesthetik der jüdischen Musik zu tteiben, wo selbst die große deutsche Musik hier erst bescheidene Ansätze zeigt. 18