Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 2 (1920-1921)
- Issue
- 1-2 (10.1920)
- Date
- 1920-10-01
- Page
- Seite 16 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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erzeugen bei den jungen Kolonial-Völkern eine weitgehende Interessengemeinschaft: Die Landtagen, die Rassenfragen, die Einwanderungsfragen, die Tendenz auf großartige Kapital- und Latifundienbildung bewegen diese großräumigen Völker alle. Dagegen bieten in dem vielgegliederten Europa die verschiedenen Naturgebiete, deren jedes etwa eine halbe Million qkm umfaßt, — Spanien, Italien. Frankreich, England und Deutschland — die Grundlage etwa gleich starker eigenartiger Völker, die sich, auf engem Räume dicht gedrängt, politisch furchtbar stoßen und behindern» geistig aber immer neu befruchten müssen: dies ist der natürliche Grund europäischer Geschicke und Kultur. IL Die Kultur Für die Kultur eines Landes ist seine Lage am wichtigsten. Schon die Lage auf einem verbundenen oder isolierten Erdteil hat große Folgen, die wir bei einem Vergleich der amerikanischen Nutzpflanzen mit denen der aus 3 Erdteilen bestehenden alten Welt sehen: Amerika hatte z. B. nur eine einzige Getreideart, den Mais, während der asiatische Weizen, der südeuropäische Roggen, die afrikanische Hirse sich über alle 3 Erdteile verbreitet hatten. Welche Bedeutung der Lage eines Landes zum Meere zukommt, zeigt am besten das Vorrücken der antiken Kultur von Südosten aus über das Mittelmeer — vielfach war. nur die Küste Kulturland, das Hinterland blieb barbarisch. Ist doch der Verkehr zu Lande ungleich schwieriger als zu Wasser: selbst eine gute Landstraße bietet den 80 fachen Reibungswiderstand des Wassers, ungebahntes Land ungelähr den 200 fachen. Die Bedeutung der Landgrenzen ist aber für die Kultur doch gewaltig: die Völker selbst berühren sich hier mehr. Daß Spanien nur durch Frankreich mit dem übrigen Europa verbunden ist, bewirkt den großen kulturellen und politischen Einfluß, den Frankreich auf die Halbinsel hat und klug benutzt. Die deutsche Kultur ist im Innern so wenig einheitlich, gegen die Nachbarn so wenig abgeschlossen wie das deutsche Land; ist ein Deutscher groß, so schreitet er über die offenen Grenzen hinweg nach allen Seiten ins' Endliche, während von außen her alles Fremde, vielfach übersetzt und vermittelt, eindringt. Wie anders ist die Lage Frankreichs und seiner Kultur! Der Einfluß, den das Klima, auf die Volksseele ausübt, zeigt sich auf der ganzen Welt ähnlich: überall, in China so gut wie in Spanien, wird der Nordländer durch die Rauheit der Natur zur Umsicht und Ausdauer, zur Sparsamkeit und Häuslichkeit erzogen,. während der Südländer heiter und sorglos, faul und schmutzig sein darf. Selbst in den Vereinigten Staaten macht sich der Unterschied der „Northen ers* und „Southeners" schon geltend. Bei Alphonse Daudet ist an den tollen. Lügen des Tartarin aus Tarascon nur die vergrößernde Kraft der südlichen Sonne schuld. Wie des Südens Licht und Farben auf die Kunst wirken, beschreibt Goethe in Venedig: „Es ist offenbar, daß sich das Äuge nach den Gegenständen bildet, die es von Jugend auf erblickt, und so muß der venezianische Maler alles klarer und heiterer sehen als andere Menschen Wir* die wir auf einem bald schmutzkotigen, bald staubigen, farblosen, die Widerscheine . verdüsternden Boden und vielleicht gar in engen Gemächern leben, können einen solchen Frohblick aus uns selbst nicht entwickeln.* — Die Dichtung trägt so sehr das Gepräge des Landes, daß wir nirgends so gut die Natur 16