Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 2 (1920-1921)
- Issue
- 1-2 (10.1920)
- Date
- 1920-10-01
- Page
- Seite 13 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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bei stumpfen Mensehen jede Mühe des Erweckens von Kunsterkenntnis vergeblich ist. Das befreit uns nicht von der Pflicht, immer.wieder den Versuch zu machen u*d. unsere Methoden zu verbessern: „als ik ken". sagt van Eyck. Der Grund des bisherigen Mißlingens bestand darin, daß mit der zweiten oder gar dritten Phase des Unterrichts angefangan wird. Dann fehlt den Schülern das Handwerkzeug, um den Stoff anzupacken, und so ist es denn kein Wunder, daß dann die Geschichte, das große Beispiel fortzeugenden Lebens, als tot erscheint Wenn wir einem Menschen das Wesen eines Kunstwerkes deutlich machen wollen, so weisen wir auf Farben, Komposition usw. hin Aehnlich in der Geschichte. Wir sollen vor dem Schüler einige Entwicklungsgesetze herausschälen. Wir können dabei ruhig einige Hypothesen hinzufügen. So hat auf mich die allgemein abgelehnte Hypothese Gobineaus von der schwarzen Urbevölkerung Kanaans sehr anregend gewirkt. Doch soll man sich dabei nicht in das Gebiet des historischen Romans verirren. Wir wollen die Menschen noch nüchtern .zum Erleben bringen und verschmähen das verlogene Erleben im Alkohol. Der historische Roman ist der Alkohol * Nicht der Roman, der versucht, Zustände und Gesetze vergangener Zeiten darzuzeigen (z. B Wassermann im Vorwort zu seinen „Juden von Zirndorf* die Zeit Sabbatai Zwis), sondern derjenige, der versucht, historische Persönlichkeiten nach seinem Gutdür ken weiterzudichten (z B. Disraeli, .David Alroy"). Wohl kann man dem dichtenden Künstler dazu das Recht nicht verwehren, und eine generelle Entscheidung über Wert und Unwert des historischen Romans auch nicht fällen, es ist aber sicher, daß hier im allgemeinen durch das Verwischen aller Grenzlinien den Menschen der Sinn für die Schönheit der geschichtlichen objektiven Wahrheit abhanden gekommen ist, und für uns sind deshalb diese Wege ungangbar. Bei der Aufzeigung dieser Entwicklungslinien, vpn der ich vorhin sprach, soll man möglichst wenig selbst sagen, sondern dem Schüler eine gewisse Entdeckerfreude lassen. Das beste Mittel hierzu ist wohl die Differenzierungs- oder Abstraktionsmethode, die Wölifiin in seinem Buch von den künstlerischen Grundbegriffen so prachtvoll anwendet. Er stellt dort zwei Portraits von Künstlern derselben Nation, aber aus verschiedenen Stilepochen nebeneinander, worauf sofort die Unterschiede beider Epochen deutlich werden. Oder es erhellen bei umgekehrtem Verfahren die Differenzen in der bildenden Kunst der verschiedenen Nationen.. So muß man auch in der Geschichte bei derselben Nation zwei Zeitpunkte verschiedener Epochen peilen, die vielleicht auch äußerlich ähnlich sind, und daran den Begrilf der Epoche klarlegen. Das Verfahren zum Erkennen gewisser volksindividueller Gesetze ist grade in der jüdischen Geschichte durch die einzigartigen Bedingungen dieses Volkes immer sehr hinkend und sehr schwer. Man wird aber" auch da wenigstens einige lohnende Peilpunkte finden. Man kann sich auch manchmal mit einem Peilpunkt begnügen. Es ist in der Kunst oft sehr interessant, wie derselbe Stoff durch die verschiedenen Zeiten und Völker abgewandelt wird So möge man denn auch im Geschichtsunterricht die Darstellung verschiedener Autoren vergleichend lesen, ohne sich schon auf eine , erschöpfende Kritik einzulassen. / In der zweiten Unterrichtsphase kann man ruhig manche zuerst gemachten gewagten Annahmen zu Gunsten der geschichtlichen Wahrheit zerstören, da kann man z. B. aussprechen, wie in der Luft schwebend alle Annahmen über 13