Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 2 (1920-1921)
- Issue
- 1-2 (10.1920)
- Date
- 1920-10-01
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Geschichte in die Hände zu bekommen. Ich kenne den Wert der materialistischen Geschichtsschreibung. Dennoch besteht keineswegs der Inhalt der Geschichte in Klassenkämpfen, obwohl das sicher einer unter Hauptpunkten ist. Mit diesen Sätzen hat derselbe Marx, der im „Kapital" in der Schilderung der englischen Arbeiterzustände wirkliche Geschichte geschrieben hat, großes Unheil angerichtet Ich meine, es gibt zwei Arten von guter Geschichtsschreibung: Die eine ist eine kritische Stoffsammlung im besten Sinne, gewissermaßen das Material zum künstlerischen Erleben der Geschichte. Sie ist für den Anfänger nicht genießbar. Er weiß nicht den Weg zum geschichtlich-künstlerischen Erleben- Für den geschichtlichen Menschen ist es dagegen der reinste Genuß (Eduard Meyer z.B.). Die andere Art der Geschichtsschreibung ist die Wegzeigung zum geschichtlichen Erleben, Wir spüren dann den Historiker gewissermaßen außerhalb seines Werkes, wenn z. B. Mommsen Caesar „General* nennt Diese Art hat natüi lieh ihre Grenze in der historischen Wahrheit, auch gar zu persönliche Hypothesen sind zu vermeiden. ~ Der Grund für alles dies ist einfach. Die Persönlichkeit, und das ist ia schließlich trotz materialistischer Geschichtsschreibung ein gut Teil der Geschichte» ist in ihrer Einflußnahme auf die Geschichte schöpferisch, also in der Steigerung der Durchschnittsintensität künstlerisch. Daher ist auch richtige Geschichtsbetrachtung auf künstlerisches Erleben gerichtet, und muß der Geschichtsschreiber auch ein Künstler sein, ähnlich dem Verhältnis des bildenden Künstlers zum Kunsthistoriker und Kunstkritiker. Die Herausschälung gewisser Regeln behält dabei ihren Wert, aber nur bedingt, ähnlich wie man etwa Rembrandt nicht gerecht wird, wenn man ihn als den größten Hell-Dunkel Maler ansieht Der Vorteil bei dieser Betrachtungsweise ist, daß man die Sache immer von anderen Seiten sehen lernt. Ein Beispiel: Dubnow und'viele andere erklären die Märtyrer- und Duldereben <!er jüdischen Diaspora-Menschen schlechtweg als typisch und cbarakte-x ristisch für sie. Wie paßt in eine solche Auf Fassung der Chasen, der vor seinem. Tode dem entgegengehaltenen Christusbilde ins Gesicht spuckt? Wie diese Anschauungen bei Erziehung unserer Jungens zu verwerten sind, weiß ich noch nicht genau. Jedenfalls fallen sicher gegenüber einer derartigen Geschichtsbeschäftigung die Bedenken: unheilvoller Historizismus, Blick n die Vergangenheit und nicht in die Zukunft u.s.f. Nun wird einem doch erst klar, wie gewaltig schnell und sausend sich die Erde dreht, und da s>ll man den Blick in die Zukunft verlieren? Allerdings, hat man nun Ehrfurcht und versucht nicht, der Zukunft aufzuzwingen, was die kleine Funzel der Vernunft in der Vergangenheit ausgetüftelt hat. Vergessen wir nicht: wie ein Lebenstag das kommende Leben bedingt und aufzeigt, aber von der Vergangenheit erst seihst aufgezeigt wird, so deutet unsere Geschichtsepoche zweifellos die Zukunft an, wird aber erst von der Vergangenheit bedingt. Wir zukunftsgläubigen Zionisten mögen daher den Horror vor der Geschichte abstreifen. Hinter sich zu blicken, muß nur der vermeiden, der Angst hat und nicht schwindelfrei ist. Es ist ohne weiteres klar, daß die Erkenntnisse nicht genügen, sondern es hauptsächlich auf ihre praktische Anwendung im Geschichtsunterricht ankommt. Daist natürlich zunächst die Einschränkung zu machen, daß es immer rettungslos ungescbichülch empfindende Menschen geben wird, ähnlich* wie oft 1.2