Mannheim
Compact Memory

Blau-Weiss-Blätter · 1920-10-01 · 1-2 (10.1920) · p. Seite 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Blau-Weiss-Blätter
Volume
2 (1920-1921)
Issue
1-2 (10.1920)
Date
1920-10-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2708691-2708699-2708700--124-2708856
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Grundtendenz abgegangen wird, alles, was zu sehen ist, — sehen, sagejaLJ«^ schreiben zu lernen, wird man sich schon auf dieser Stufe nicht im Oberflächlichen hallen Daß die Unzahl handwerklicher und tektonischer Kunstwerke» die wir in jedem Augenblick vor Augen haben, vom Tintenfaß über die Einrichtung des Zimmers bis zur Häuserfront der Straße und der Anlage der Stadt (obwohl sie nichts in dem Sinne erzählen, wie z B. ein Gemälde) deutlich in ihrem Formwert zu uns sprechen und durch Beschreiben wesentlich erfaßt - werden, weiß ein jeder, der sehen kann. Wird auch das Tiefste und Zusammen hängendste hiervon von vornherein nicht verstanden, so bat doch das erste Sehen genug zu tun. Waren auf dieser Stufe die tiefer dringenden Fragen noch im Hintergrund geblieben, so wird Kunsterziehung der Aelteren, besser: Geübteren, immer mehr vom Was abrßcken und immer enger an das eigentliche Problem derFofm herankommen. Immer mehr auch wird hier hinter allem, was beschreibbar ist. das besondere Reich des Kunstwerks erstehen und die Fülle von Welt begriffen werden müssen, die von allen Kräften der Kultur! aus in das einzelne Werk eingegangen ist. / Auf diese Weise führt Kunsterziehung, planmäßig durchdacht1 und ausgeübt, über alle Weckung der Sinne und Seele hinüber zum aktiven Verständnis schöpferischen Lebens. Kunsterziehung steht im Mittelpunkte des Kreises unserer Erziehung überhaupt % * Literaturangaben. Bücher, die ohne Uebergedanken und allgemein den Sinn für das Betrachten von bildenden Kunstwerken erwecken und fördern wollen, sind als vollkommene Leistungen ebenso wenig vorhanden, als Einführungen in das Verständnis der einfachsten und alltäglichen kunsthandwerklichen Gebilde (Atöbei» Zimmer, Haus, Garten, Straße). Immerhin gibt es Schriften genug, aus, deren Studium die fruchtbarsten Anregungen zu eigenem Ansetzen und Weiterbauen zu gewinnen sind. Werke (im engeren Sinn) kunst geschichtlichen Inhalts werden anfänglich eher verwirren als nützen; nicht genug aber ist vor literarisch-theorethischen Essays zu warnen3 die, wie z. B. die beiden Bücher von Worringer*) und Schettler vom bewußtem Anschauen und damit im eigentliehen Grund auch von der selbsttätigen und sicheren Erfassung des Kunstwerks ablenken oder doch erst auf der Basis eines schon gefundenen Zugangs und der ernsthaften Beherrschung des Stoffes nutzbar gemacht werden können. ■•-"v-\-\.' Malerei« AI fred Lichtwark, Uebungen in der Betrachtung von Kunstwerken. (Berlin, mehrere Auflagen, Bruno Cassirer.) .. Da das Werk mit glücklichstem, pädagogischem Sinn geschrieben ist, kann auf doppelte Weise von ihm gelernt werden. Daß die tiefsten Schichten des Kunstwerks unberührt bleiben, entspringt durchaus bewußter Beschränkung» die für die Anfänge einer planvollen Kunsterziehung unbedingte Notwendigkeit ist. *) Formprobleme der Gotik, München 19IX. 2) Der Geist der Gotik, Lp. 1917.; N . 6

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.