Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 2 (1920-1921)
- Issue
- 1-2 (10.1920)
- Date
- 1920-10-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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daß. sie schön sein wollen. Kunstwerke sind Angelegenheiten des ganzen Menschen und werden in allen eigentlich kunstschaff enden Zeiten von ihm mitten aus dem Leben geboren. Alle schöpferischen Kräfte, wo immer sie sich betätigen, religiös, philosophisch, in der volklichen Gemeinschaft oder der Wirtschaft, sie fließen mit der (im engeren Sinn) künstlerischen'Gestaltungskraft in eins, um sich eben im Kunstwerk neu und besonders zu formen. Damit ist das Kunstwerk recht deutlich als eine Sache gekennzeichnet, die durch die Persönlichkeit eines einzelnen Menschen, des Künstlers, hindurch aus dem Gesamtkreis jenes zur gebildeten Form drängenden Lebens, das Kultur heißt, . ihr Wesen schöpft. In der so und nicht anders vollzogenen Gestaltung dieses Lebens bestimmt sich zutiefst der Charakter des Kunstwerks. Wie im Organismus der Natur die Teile, aus denen er sich zusammensetzt, einander notwendig bedingen, so stellt auch das Kunstwerk, wenn auch in anderer Weise, eine unauflöslich verbundene Einheit dar, die aufhören würde, das bestimmte Werk zu sein, wollte man diesen Zusammenhang verändern und damit zerstören. Die oben noch allgemein gefaßte Aufgabe der Kunsterziehung hat nun vor jedem einzelnen Werk ihr besonderes Gesicht. Den Notwendigkeitscharakter des Kunstwerks, der bei jedem einzelnen ein andrer ist, aufzufinden und damit den Formungswillen zu begreifen, der es gestaltet bat das ist das Ziel unserer Kunsterziehung. III. - Der Notwendigkeitscharakter des Kunstwerks als etwas im tiefsten Irrationales scheint einer Erziehung Schwierigkeiten zu bereiten, die sich an die bewußt erkennenden und frei entscheidenden ^Fähigkeiten* wendet, ohne die eine selbständige und sichere Stellung zu den Dingen nicht zu gewinnen ist. Ob sie mit Worten spricht oder mit Gesten, hinweist, immer wird sie nach einem Sinn fragen, der erkannt sein wilL An jedem Kunstwerk sind nun eine Unzahl von Momenten zu erkennen und zu beschreiben, die in ihrer Summe sicherlich nicht das Ganze hervorbringen, in denen aber doch das Ganze gegründet ist. An diese rationalen Momente, die von der Analyse ergriffen werden können, hat sich Kunsterziehung zu halten, wenn sie ihre Aufgabe ernst nimmt, und es wird sich zeigen, daß dem Jungen, der sehen gelernt hat, das Ganze des Kunstwerks dem Aufbau durch den Künstler analog als solches aus der Erkenntnis ersteht Der Weg zum tiefsten Kern des Kunstwerks führt über die Etappe seiner erkannten* oder besser erkennbaren Momente; Gewiß machen Spitzbogen, Fiale und Wimperge, die Elemente des gotischen Stiles, noch nicht die Gotik aus. Gewiß macht da9 bloße Nebeneinander bestimmter Maße und Proportionen, einer solchen Tür-oder Fensteröffnung \ einer solchen, Däxhform usw. noch kein Haus, bestimmter Pinselstriche, Linien und Farbvalenzen noch kein Bild, bestimmter Taktverhältnisse, Notenwerte, Themen noch kein musikalisches Werk aus; erst das klare Verständnis für das I n einander aller dieser Momente lehrt das Ganze ahnen, empfinden und erkennen. Ohne jene Momente kann das Werk nicht gedacht werden, das nichts anderes ist als ihre notwendige Beziehung zueinander. Der Goethesche Gedanke gilt auch gegenüber dem: Kunstwerk: 4