Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 1 (1917-1919)
- Issue
- 6 (1.1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2708691-2708692-2708698--111-2708843- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
tfiufccit bilden, die sie von dem deutschen Wirtschaftsleben weit unabhängiger machr, M es bei uns von ELnzelfällen abgesehen je möglich ist, und -außerdem besitzen wir als Folge des heutigen Galuths; das ja dem'Galrcth des Ghetto gegenüber riu schrankenloses Galuth ist, viel zu wenig eigener Gegenwartskultnr, als daß wir uns auch geistig hier auf eigene Füße stellen könnten, als daß wir der weitestgehenden Anteilnahme an der Kultur der anderen entsagen könnten. Und drittens und vor allem gibt es außer in Berlin nirgends in Deutschland eine jüdische Maffenfiedeluug, die Hauptvoraussetzung für eine Sprache. Eine wirkliche Zweisprachigkeit kann aber unter diesen Umständen nie entstehen. Das Galuth ist eben, so leicht wir diese Erkenntnis immer wieder im uitgefiümcu Drange nach Erfüllung zu übersehen geneigt sind, durch nichts anderes als die Erfiillung des politischen Programms des Zionismus zu überwinden. Zum mindesten '«ist die Erfiillung dieses politischen Programms die Voraussetzung, auf der jede weitere Arbeit erst aufbauen kann. Mit dieser Eiüschränknng ist oer Wert des Hebräischen so selbst-. Verständlich, daß jedes Wort überflüssig ist. . , ' V;" . Was nun den volkserzieherischen Wert der überlieferten Literäturschätze anöetriffr, so habe» wir hier zweifellos ein ungeheueres geistiges Kapital, das noch ziemlich nngemnnzt ist. Es ist hier, zu Unterscheide^ zwischen der Literatur, die Selosrzweck ist, also der schöngeistigen, den Märchen, Sagen, Dichtungen, Legenden, Erzählungen usw., weiter der didaktisch-pädagogischen, also dem ungeheuren Komplex, der philosophischen, moralischen und rechtswissenschaftlichen Schriften sowie der Literatur, die von vornherein als GescAchtsquelle austritt, so sehr sie 'auch einen moralischen oder schöngeistigen Charakter hat, hier wäre naturgemäß die Bibel ganz besonders zu erwähnen. Der Wert, der Literatur ist wesentlich der eines Bildungserlebniffes. Das Judentum als Bildungserleb nis — und das ist schon etwas sehr großes. Die meisten haben es erfahren, welch' nachhaltigen Einfluß Bildungserlebnifse auf sie haben, wenngleich es auch unleugbar von vornherein einseitig auf Aktivität gerichtete Naturen gibt, die anders empfinden. Ich möchte hier eins besonders hervorheben: wie die Befruchtung insbesondere der Phantasie, also der bildhaften Anschauung, geeignet ist, Wunschvorstellungen in uns auszulösen. Es wird deshalb im Rahmen unserer Erziehungsarbeit sehr darauf ankommen, derartige Anschauung zu vermitteln. Besonders, beim Kinde senken sich Phantasie-Eindrücke viel tiefer als in späteren Zähren durch die Schicht des Bewußtseins ins Unbewußte hinab, mrd lösen hier oft erst nach Jahren Wunschvorstellungen ans, die sich dann zu Wille und Tat verdichten. * Es wird sich hier also darum handeln, vielmehr als' bisher Dornröschen mrd Reinecke Fuchs durch Lebiathan und Asmodaizmückzudrängen: Eine Freilegung des gerade-hier besonders verschiitteten Judentums durch kundige Hände ist hierfür die Voraussetzung. Besonders muß hier auf die Arbeiten Ben Gorions „Die Sagen der Juden" hingewiesen werden. Da die Gestalten der schaffenden Volksphantasie, des Mythos, viel losgelöster vom immer stark substantiell bedingten Alltag find, nicht blos bei. uns, kommt in ihnen das Funktionelle des Volkscharatters viel stärker zum Ausdruck als bei allen sonstigen Schöpfungen des Volkes. Eine starke Wirkung dieses Funktionellen auf die Disposition des Juden ist deshalb zu erhoffen. Von sehr viel bedingterem Wert als Erzrehungsstoff ist die über das mythischphantastische hinausgehende Literatur. Hier liegt wieder die Gefahr der Wertverlchiebung vom Substantiellen auf das Funktionelle nahe, das, > vom jüdischen ' 113