Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 1 (1917-1919)
- Issue
- 6 (1.1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Alltag wesentlich mitbestimmt ist, was also der Mischen Relativität angekörte, zum jüdischen Absoluten zu stempeln. Wenn man etwa den jüdischen Helden als Geisteshelden einseitig festlegen will rm Gegensatz zum Helden der Tat bei anderen Völkern, nur Jesaias als jüdischen Helden gelten lassen.will, nicht aber Saul. Denn dann greift man vom Substantiellen auf das Funktionelle über, indem man die zeitlichen Verhältnisse jeder Epoche, die den einen zwangen, Krieg zu führen und den anderen sein „Tröstet, tröstet mein Volk" über Israel auszusprechen, übersieht und die Art, wie jede dieser Persönlichkeiten groß war, für die Größe selbst nimmt. Natürlich bestehen deshalb noch Gradunterschiede der Größe, und zu jeder Zeit.können trotzdem noch Helden verschiedener Art wirken. Die Verwertung des geschichtlichen Stoffes ist überhaupt eine sehr zweischneidige Sache. Es-gehört auch zu den Dogmen unseres Nationalismus, daß die Beschäftigung mit der jüdischen Geschichte, unter allen Umständen gut sei. Und doch gibt es gegen diesen Glaubenssatz, so wie man ihn heute vielfach aus legt und zur Richtschnur seiner, Arbeit nimmt, recht erhebliche Bedenken. Wenn man Geschichte betreibt, um zu erkennen, wie alles eigentlich geworden ist, um an ein Wort Rankes zu erinnern, daun gehört diese Arbeit allerdings zu unseren wichtigsten Aufgaben; wenn wir wissen, was wir wollen, dann wird uns die Geschichte Fingerzeige geben, wo wir die Hebel bei unseren Handlungen anzusetzen haben, dann spielt sie die Rolle der Diagnose in der Heilkunde. Wenn wir aber aus ihr Richtlinien für unser Wallen herauszuleseu versuchen, wenn wir vor sie mit der Frage hmtreten: was haben wir zu tun, um jüdisch zu sein, dann wird sie uns aus einem Wegbahuer ein Hemmschuh. Und wie könnte es auch anders fein? Wir wissen, daß es keine objektiven geschichtlichen Erkenntnisse im Sinne naturwissenschaftlicher Erkenntnisse gibt. Wir wissen, daß man Geschichte überhaupt nur als den eignen Weg erkennen tann. „Was Ihr den Geist der Zeiten heißt, das ist im Grund der Heroen eigener Geist, in der der Zeitengeist sich spiegelt." Es ist deshalb völlig undenkbar, auf Grund geschichtlicher Erkenntnis zu sagen: das und düs ist jüdisch. Man kann lediglich sagen: damals unter den und den Umständen war das und das jüdisch. Es liegt dann hier wieder der alte Fehler der Verwechslung des Substantiellen mit dem Funktionellen vor. Ich kann mich hier kurZf fassen, da diese Dinge ja schon da erwähnt wurden, wo von der. bei uns heute fast herrschenden Art der Geschichtsbetrachtung die Rede warwie sie sich unter dem Einfluß von Bubers „Drei Tendenzen" entwickelt hat. Viel zu wenig wird aber die andere unendlich wertvollere Art Geschichte zu treiben bei uns geübt, die mehr induktiv ist, die von den Tatsachen aus geht, die nicht bewußt Auslese unter dem Stoff der Vergangenheit treibt, sondern nichts weiter sein will als eine möglichst objektive Aufzeigung aller Entwicklungslinien. Nur wenn jüdische Geschichte sine fra et Studio getrieben wird — die wenigen Allsätze von jüdischer Seite sind heute leider nur kleinen Kreisen zugänglich — hat es Sinn, jüdische Geschichte . zu treiben. Wenn man Geschichte in der Art, treibt — wie es einmal im Blauweiß geschehen ist — daß man in einem Kurstrs die jüdische Geschichte unter dem Gesichtspunkt der Tendenz der Tat, der Einheit und Zukunft durchgeht, soll man lieber die Hände davon lassen. — Den Gegenwarts- und Zukunstsaufgaben gegenüber gibt es nur eine Einstellung und das ist die Frage nach sachlicher Richtigkeit und Ausfiihrbarkeit unter den gegebenen Verhältnissen, hierbei kann uns aber nicht eine generalisierende, synthetische, d. h. 114