Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 1 (1917-1919)
- Issue
- 6 (1.1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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feine Rücksicht nehmen können. Ich will dem Bruch mit der Tradition ausdrücki-.^ nicht diese Bedeutung zrnneflen, aber immerhin — ohne direkte Notwendig^ sollte man da nicht gegen seine Ueberzeuguug handeln. Eine solche Notwendigkeit liegt vor, wenn beispielsweise in einer Kochgemeinschast beim Wandern einer mchr mitesien könnte — selbstverständlich. Aber über diese rein menschlich-persönlich: Grenze hinaus keine Konzessionen. Denn es ist erzieherisch höchst bedenklich, gerade in solch zentraler Frage des Judentums nicht Stellung zu nehmen. Jüngere werden hierin nicht so sehr die Menschlichkeit als das A b w e i ch e n von einer Ueberzeugung sehen. ‘ : . .. Der andere negative Wert ist die unmännliche Romantik, zu der ein aus außer s a chlichen Motiven entstandenes Formenhalten fuhrt. Man glaubt Leichr, etwas getan zu haben, wo an sich noch nichts geschehen ist. Und weiter hat sich noch keine Orthodoxie von der Gefahr frei halten können, daß viele ihrer Anhänger sich durch besonders peinliche Beobachtung des Gesetzes von jeder weiteren Verpflichtung frei glaubten. Es dürste auch kein Zweifel sein, daß der Zionismus seinen Schwung erst empfing, als er auf westjüdischem untraditionellem Boden erfaßt wurde, und daß unsere palästinensische Arbeiterschaft größtenteils gesetzesfeindlich ist. k Ich betone nochmals, daß der, dem die Formen des Gesetzes wirklich Leben saus druck sind, .sie auch Halten soll, aber als. jüdisch er Erzie- -hungsstoff schlechthin taugen sie' nicht. Praktisch gesprochen, wird maxi aus jener menschlichen Rücksicht heraus und um der gemeinsamen Ziele willen gegen» fertig Kompromisse schließen, das darf aber nie dazu fuhren, diesen Dingen einen .Wert als Erziehüngsstoff an und fiir sich beizumeffen. Soviel vom volkserzieherischen Wert der Tradition. Es bleibt der Wert der »«deren Wischen Erziehnngsstoffe zu untersuchen. Die jüdische Geschichte, die jüdische Literatur und das'Hebräische. IV. * Für dys Hebräische will ich mich kurz fassen, da hierfür ein besonderes Referat vorliegt, das den Wert des Hebräischen ausführlich darlegen wird. - . - Es scheint mir deshalb im Rahmen meiner Ausführungen nur wichtig unter dem Gesichtswinkel .unserer beiden Ausgangspunkte, der Erkenntnis von der Wert- Verschiebung und der Erkenntnis vom Auseinanderfallen unseres Alltags mrd unseres Werttags gegenüber einer gewissen Ueberschätzung des Hebräischen als Erziehungsstoff ein Bedenken zu äußern, nämlich, daß wir hier im Galuth nie vergessen dürfen, daß das Hebräische bei uns keinen Alltag hat, haben kann, baß wir deshalb nur an seinem Substantiellen, nicht an-seinem Funktionellen Anteil haben. Denn was man mit einem ebenso kühnen, wie irreführenden Wort immer die He» bräifierung der westjüdischen Jugend nennt oder fordert, kann sich letzten Endes nur auf die Hebraisierung des Sabbaths, d. h. hier der Beschäftigung mit einer Reihe höherer geistiger Dinge erstrecken. An eine wirkliche Hebraisiernng ist hier nicht zu denken. Denn erstens sind wir — und das ist ein. sehr schwer wiegendes Moment —. wirtschaftlich derartig in den nichtjüdischen Wirtschastskörper verstrickt, daß wir es nicht einmal zu einer wirklichen Zweisprachigkeit dringen können, wie etwa die-preußischen Polen, die noch eine größtenteils wirtschaftlich geschloffene 112