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Blau-Weiss-Blätter · 1919-01-01 · 6 (1.1919) · p. [Seite]

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Blau-Weiss-Blätter
Volume
1 (1917-1919)
Issue
6 (1.1919)
Date
1919-01-01
Page
[Seite] (sequence 10)
Language
German
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fetcit. Die Formen sind nicht mehr und nicht weniger als der Ausdruck des Lebens und so gewissermaßen Selbstzweck, um ihrer selbst willen da, nie aber Mittel, nie um etwas zu stützen, was nicht von allein stehen würde. Auch da, wo sie einen; offensichtlich abgrenzenden Charakter haben wie etwa die Speisegesetze, die Beschneidung, scheinen sie nicht dazu geschaffen, um zu erhalten, sondern lediglich als der Ausdruck eines sich Anders, sich Höherfühlens, dem man symbolischen Ausdruck verleiht Wenn man von konservierendem Charakter der Formen spricht, begeht man eine Wertverschiebung von Substantiellen auf das Funktionelle, indem man dem, was lediglich substantieller Natur ist, nämlich der Form als solcher, stmktionellen Wert beimißt, indem man glaubt, man könne durch die Uebernahme der Form, von der man nur das Substantielle wahrnehmen kann, auch deren Funktionelles mit übernehmen. Zeder Versuch, durch Formen den Geist zu vermitteln, der diese Formen geschaffen hat, ist deshalb von ^vornherein zum Scheitern verurteilt. Wird ein solcher Versuch unternommen und die Substanz, also die Form, wird nicht mehr von Funktion, also vom Geist des die Form übernehmenden getragen, so kann aus diese Weise krast des Trägheitgesetzes für einige Zeit die innere Leere verdeckt werden, aber sie verhindert das Emporkeimen neuen fastgeschwellten Lebens. Wer auch lener nutzere Fehler, von dem wir eingangs sprachen, kommt in der Lehre vom ' konservierenden Charakter der Formen zum Ausdruck und zwar hier insoweit man dies von unserer westjüdischen Gegenwart behmrptet. Man vergißt dabei nämlich ganz und gar, wie wenig bei uns Westjuden der Alltag noch unseren religiösen und sonstigen Formen Blut zuführt und zuführen kann. Es ist deshalb ein großer Fehler, unsere westliche Orthodoxie und überhaupt das westliche Judentum mit dem Ostjudentum vergleichsweise auf eine Stufe zu stellen. Denn bei den Ostjuden Ist ja noch jene Einheit vom gelebter: Leben und Geistigkeit, von Alltag und Sabbath. Da i st die Erfüllung des Gesetzes noch unmittelbarer Lebensausdruck rmd nicht so sehr Tradition, da hat das eigentliche Galuth noch nicht begonnen und das, was auch bei dem untraditionell aufgewachsenen Teil unserer westlich-nationalen Jugend eure " häufig anzutreffende Liebe zur Orthodoxie verursacht, beruht lediglich auf einer optischen Täuschung. Man steht sehr richtig, , daß im Leben des gesetzestteuen Ostjuden mehr Einheit, mehr Ganzheit, mehr Fülle ist als in unserm wesijüdischerr -Sehen. Jenes Mehr an Einheit und Fülle ist aber an sich nicht eine Folge des Mehr an Formen, sondern lediglich eine Folge der größeren Einheit zwischen gelebt e n L e b e n rmd Geistigkeit, zwischen Alltag und Sabbath, eine Folge des 'Wenige r an Galuth. Wenn wir die Formen übernehmen, so übernehmen wir nur . die Geistigkeit, den Sabbath. Das Geheimnis, das uns anzieht, liegt aber nicht an dem Sabbath an sich, auch nicht an dem Alltag, sondern in dem Zusammen beider^ m " ihrem Verhältnis, in ihrer Spannung, in der Auslösung des einen durch das andere- Wer nur die große Ruhe eines Sabbathtages Übernimmt ohne die Unrast, die Unsicherheit, das Gehetzte des Ghettoalltags, der hat das Wesentliche nicht erfaßt. Je weniger Nahrung der Formenwelt aus dem Leben des Alltags, aus dem wirklich gelebten Leben zusttömt, desto mehr erstarrt sie aus Lebensausdruck zu lebensfemdlicher Tradition. Und auch nur da kann man von wirklichen inneren Fäden zwischen Alltag und Sabbath sprechen, wo beide auf dem gleichen Knlttlrboden erwachsen, also im Ghetto, bei den Ostjuden, nicht aber bei uns. Zn diesem Zusammenhang noch folgendes Schlaglicht: In derselben Zeit, in der im Westen die Ghettomauem sielen, als also das schrankenlose Galuth anhub, als also unser Alltag in den nichtjüdischen der europäischen Kultur verstrickt wurde, loste man aus dem Gesamtkomplex 110

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