Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 1 (1917-1919)
- Issue
- 6 (1.1919)
- Date
- 1919-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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... Während bis zur Emanzipation Einheit bestand zwischen dem äußeren Rahmen unseres Volkslebens und den schöpferischen Kräften, die diesen Rahmen füllten, ist - heute der Rahmen zersprengt, und richtungslos strömen unsere Kräfte zu den anderen Völkern, vermehren deren Besitz, und die Mutter, die ihrer Kinder ebenso bedarf wie die Kinder der Mutter, ist verwaist, und aller äußere Glanz kann «ns nutzt darüber hinwegtänschen, daß ihre Kräfte schwinden. Den Stoff unsrer eigenen Vergangenheit muffen wir uns zum Teil erst suchen, wahrend der andere Stoff überall und stündlich auf uns eindringt. Das Ware aber eine immerhin lösbare Aufgabe. Wir lernen hebräisch, wir erforschen die eigene Geschichte in all ihren LeLeuserscheinungen, wir übernehmen die Formen der Synagoge, wir gehen zu den Qstjnden und sehen, was dort an Mischen Eigenwerten Ie5t y trnt erforschen unsere Literatur, kurz wir versuchen alles, was in unsrer Macht steht, um durch die Brille unseres Bewußtseins uns ein Judentum zu rekonstruieren, wie es in den Zeiten war, in denen Einheit bestand zwischen dem äußeren Rahmen des Volkslebens "und seinen schöpferischen Kräften. Das aber ist die entscheidende sache, die unsere jüdische Erziehung von der Erziehung der Mischen Vergangenheit unterscheidet, daß bis zur Emanzipation durch die Einheit des äußeren und inneren - Lebens wenigstens der Stoff, an dem und durch den man erzog, in seinen Grundzügen gegeben war. Darin jedenfalls war man nicht schlechter gestellt wie andere Völker. Ganz anders liegt es heute, denn das eigentliche Galuth beginn t erst in i t der Emanzipation. Da erst beginnt jene Einheit M zer- . fallen. Durch unser Verstrickrwerden mit den anderen Völkern entgleitet uns innrer mehr der Stoff, der in seinen Grundzügen ein adäquater Ausdruck unseres Wesens, dividiert durch unsere Lebeusverhältniffe, also das Ghetto war. Der ganze Stoff des Ghetto, also das, woran man in erster Linie bei dem schlecht gewählten Worte Mische Kultur denkt, ist zwar, nicht an sich jüdisch, sofern wir dabei an etwas absolutes dercken, -aber er ist relativ jüdisch, d. h. er ist der Ausdruck, den die jüdische Seele unter den Lebensbedingungen des Ghetto und eines Galuth fand, das vor unserem Galuth, dem Galuth der Emanzipation, den gewaltigen Umstand voraus hatte, daß in ihm noch Einheit war: zwischen der Welt, in der der wichtigste Teil des bürgerlichen sozialen Lebens des Juden sich abspielte und der Welt, an der seine Seele baute. Es bestand also — und das immer klar vor Augen zu haben ist bei der jüdischen Erziehung von entscheidender Bedentung — eine befruchtende Wechselwirkung zwischen dem Alltag und dem Sabbath des Juden, im Gegensatz zu heute,,wo nur der Sabbath übrig geblieben ist. Die tiefste Not des Galuth, das Galuth, das unsere Seele würgen will, das sie abschneiden will von den nährenden Säften, die ihr aus dem jüdischen Alltag zuströmten, kannte das Ghetto noch nicht, wie es der Qstjrrde auch erst "langsam kennen zu lernen beginnt. Diese Grundtatsache, daß der Jude erst seit der Emanzipation wirklich in ein unjüdisches Milieu eingestellt ist, daß also der ihm Nächstliegende Erziehungsstoff ein ihm wesensfremder ist und infolgedessen das, was ihm von jüdischem! Erziehungsstoff zugänglich ist. ifjui nicht unmittelbar aus seinem eigenen gelebten Leben zuströmt, ist eine u: -1)^juü>e Fehlerquelle aller vorzionistischen Erziehung. Wir dürfen diesen Gesichtspunkt nie au. dem Auge lassen und muffen feststelleu, daß dieser Kardinalfehler, der in dem Nichtbeachten jener Galuthgrundtatsache besteht, sich auch auf Umwegen in unsere zionistische Erziehung eingeschlichen und uns Vielfach in die Irre geführt hat. Haben wir das erst einmal klar erkannt, so kann es für uns nur eine Konsequenz geben und die heißh: Unsere Erziehung nmß 104