Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 1 (1917-1919)
- Issue
- 4 (3.1918)
- Date
- 1918-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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- Gegenwärtig aber schon die Bauernkolonisation als vorwiegendes System der Mischen Kolonisation zu empfehlen, halte ich für verfehlt, ja für Verderben bringend, trotz aller Theorien, aller glücklichen und unglücklichen Motivierungen, aller künstlich konstruierten und scheinbar empirisch festgestellten Tabellen und Berechnungen, rmd sogar für den glücklichen Fall, daß für die Palästina-Kolonisation gewaltige fiumrzielle Mittel zur Berfiigung stehen sollten. Jetzt schon in der Hauptsache eine Bauernkolonisation in Palästina durchzufübren, hieße die Pyramiden vom Gefilde Moph auf ihre Spitzen setzen wollen. Uom Wesen unseres Manderns " Moses Ealvary nennt in seinem jüngst hier abgedruckten Referat den Gedanken, durch Wandern die Jugend jüdischer *ju machen, einen „seltsamen Gedanken." Und eS mag in der Tat, zuerst einem nicht leicht werden, einzusehen, warum gerade das Wandern in allen Jugendbewegungen, die national orientiert find, zu einer so eminenten Bedeutung gelangte, und man erkennt nicht so oben hin, welchem deren Inhalt und welcher Abwandlung unseres Lebens, es den hervorrag^. . -. Ausdruck gibt. Es wird daher von Nutzen sein, wenn wir das Wesen und die Besonderheit msseres Wandems klar erkennen wollen, stch kurz vergegeriwärtigen, welche eigenaMgm Mächte und Strömungen das Wandem hervorbrachten, wie wir es heute üben. . Wir wissen, daß die Wandervogelbewegung begann als die harmlose Bestrebung einzelner Jugendfreunde, der Großstadtjugend einen Ausgleich zu schaffen gegenüber den mannigfachen, gesundheitlichen Gefahren und Schädigungen, die die gewohnte Umgebung für sie enthielt: das Kind der Großstadt, dem der Himmel verbaut war, wieder teilhaftig werden zu lassen der vielen Schönheiten und Wunder der Erde. Aber wir verfolgen mit Spannung, wie aus der Wandervogelgemeinde ein Geist erwuchs, der iit seiner Sonderheit und zielsicherem Wollen sich fühlbar machte und zur beherrschenden und formenden Gestalt des Bundes wurde. Er gewann zunächst Ausdruck als ein Kampfruf gegen alles Cafö-, Bordell- und Tanzbodenwesen, kurzum als ein scharfer Protest gegen alles, was offensichtlich wurde als der Geist der modernen Großstadt. Man hatte in der Ungebundenheit der Tagfahrten zum erstenmal in einer einzig-artigen Weise sich andem Menschen verbunden gefühlt, zum erstenmal einen Hauch jenes beseeligenden Glückes der Gemeinschaft verspürt und -man sah mit Schaudem auf das Leben des Alltags, da man wieder unter Millionen ein einsamer war. - ' ' . : . / . . " II. ’ ‘ Z'/ Damm scheint der Geist der Großstadt im höchsten Maße unsittlich zu sein: weil die Großstadt ein Zusammenleben von Menschen darstellt, deren Gemeinschaft durch keinerlei Bindung im Geiste, sich rechtfertigt, weil die Großstadt eine Gemeinschaft dortauscht, der nirgendwo Realität zukommt. Gemeinschaft aber das ist die organische Verbindung von Menschen durch ein gemeinsames Prinzip. Es gibt aber keine verbildende Macht, die aus dem Chaos der Großstadt geboren, zugleich die ZenttMMres Lebens und ihre alles durchstrahlende Sonne sei. Das Leben 71