Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 1 (1917-1919)
- Issue
- 4 (3.1918)
- Date
- 1918-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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der Großstadt ist geborsten und zerstückt in zahllose Jndividualleben, von denen, jedes einzelne um die, eigene Achse schwingt und keine Richtung und keine Bindung, kennt, die es einem Organismus einschweiße. Das Leben des Menschen der Großstadt taucht nur peripherisch in die Mannigfaltigkeiten des Daseins, immerfort sich abwandelnd aber nirgendwo fich steigernd. Wert und Spannung seines Menschentums bleiben unvermehrt gleich, ob er nun zu Hanse sitzt, seinen Geschäften nachgeht, Theater und Konzerte besucht, oder wandert- Sein Verlangen geht nach der Behaglichkeit; auf seinem Leben lastet der Much des Alltags d.i.die Spannunglofigkeit. Die gleiche Macht, die ihn heute in die Stammkneipe gehen heißt, treibt ihn morgen in die Berge. *. hi. '; Es drangt sich von vornherein, mit bezwingender Kraft uns auf, daß unser Wandern ein vollkommen anderes Wesen offenbart als das Wandern des Großstädters, wenn er etwa im Odenwaldklub oder Pfälzerwaldverein seine Sonntagsausflüge macht: Ihm ist das Wandern eine eigenartige Form seines vielfältigen Lebens, wir aber fühlen, daß es die Form unseres Daseins kLt'oxoebön bedeutete Wir erleben innerhalb der Wandergemeinde eine ganz besondere Steigerung unseres Lebens und seine vollkommenste und höchste Spannung. Denn es ereignet fich hier, daß wir nicht nur peripherisch mit den andern uns berühren, sondern daß wir alle in unserer Totalität von einem Geist erfaßt und eingeordnet sind. Es entsteht eine Lebendigkeit über uns, die uns bezwingt und uns zu formen vermag; und so gerät unser ganzes Dasein unter die beherrschende Macht jenes Geistes, der aus der Wandergemeinde fich erhob. Wir haben in Wahrheit eine solche Gemeinschaft, denn indem wir in unserer Totalität undnicht peripherisch erfaßt wurden, verwachsen wir organisch. Das Wandern, wie es der Wandervogel als erster übte, es war in der Tat zunächst nichts anderes als der Protest gegen die Großstadt und die Formen ihrer Geselligkeit und zugleich der Versuch in der Wandergemeinde" eine neue, rernera Form der Geselligkeit zu schaffen. Man empfand die moderne Geselligkeit als unwahr und verlogen, weil sie die Menschen zwang, sich nur mit einem Teil mch mit wenigen Aeußernngen ihres Wesens zu einander einzustellen, während sie die persönliche Tiefe und Werte, den eigentlichen Wert des geselligen Menschen unter dem Mantel der Politesse und des herkömmlichen Formalismus verdeckte. Nim aber forderte man, daß ein jeder sich gebe mit der ganzen Wucht seines Wesens^ daß er mit seiner ganzen Seele und seinem ganzen Herzen sich eröffne und. daß er fich feinem Nebenmenschen in seiner ganzen Wahrheit, und Wirklichkeit offenbare^ Man beanspruchte den Menschen in,seiner Totalität. Damit.aber war die Abgrenzung der Wandergemeinde als nationale Gemeinschaft festgestellt. Wollte die ältere Gesellschaft vom Menschen nur gewisse Ausdrucksformen seines Wesens, seinen Geist, seinen 6sprit oder sonst welche gesellschaftlichen Fähigkeiten, wenn er sich innerhalb jedes Kreises bewegen wollte, so forderte die jüngere sein tiefstes, vollkommenes Wesen, sein Mark und sein Blut. Die in loser Form verbundenen geselligen Menschen verwuchsen organisch zur Gemeinschaft: und es geschah nicht von ungefähr, daß der Wandervogel seit seiner Vollendung bestrebt ist, sich judenrein zu halten. . . . ■ . : <; LV. - ,Y ^, -:;.. >. v;o.. . Wir Nationaljuden wissen, was die Form dieses Wanderns uns bedeutet. Es ist für uns die Möglichkeit, aus zunächst nur geselligen, ganz lose aufeinander 72