Blau-Weiss-Blätter
- Journal
- Blau-Weiss-Blätter
- Volume
- 1 (1917-1919)
- Issue
- 3 (10.1917)
- Date
- 1917-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2708691-2708692-2708695--055-2708784- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
kommt, den Kindern Gemeinschaftssinn und jüdisches Empfinden beizudringen, undenkbar aber im Alter von 14—1$. Hier kämpfen beide Geschlechter mit sich, ihren jüdischen und erotischen Zweifeln: es würde eine Verarmung, eine Verkrüppelung unsrer Gemeinschaft bedeuten, an ein gemeinsames Arbeiten in diesem Alter zu denken. Den Berlinern mag dies selbstverständlich erscheinen, für viele kleinere Bündemit ihrern engeren und intensiveren Zusammenleben ist die Frage öfters akut. — Innigere Zusammenarbeit beider Geschlechter findet überall iuiilui der Führerschaft statt. Es ist das erste Mal in der jüdischen Jugendbewegung, daß. man in der Zusammenarbeit auf das Problem der verschiedenen Art und damit verschiedenen Ziele der Jungen und Mädchen stieß. Damit ergaben sich Fragen, die die Klarheit unseres eigentlichen Zieles trübten. Den Prozeß einer Klärung beschleunigte allerdings die große Wirkung, die Blühers Wandervogelbuch überall hervorrief. Ueberall schlug die Thesis ein: Knaben und Mädchen sind artverschieden. Die Jungens sind die geistig Ueberragendeu, find die Leitenden,- das erotische Problem der Juugeus wurde richtig verstanden xit der geistigen Hinneigung zur überragenden Persönlichkeit des Führers. Damit erscheint mir für uns die eigentliche Aufgabe des-Führers, andrerseits die eigentümliche Begabung des männlichen Geschlechts, in der Gemeinschaft geistig-sozial zu arbeiten^ scharf nmrissen. - Die Aufgabe der Mädchen dagegen wurde bei unS in vielen Kreisen durchaus in der eigentlich frauenhaften, nngeistigen Arbeit gesehen. Damit wurde vielfach die Fügung der Frau für geistige Vereinsarbeit überhaupt in Frage gestellt; andrerseits kam es in den Führerschaften zu Unznträglichkciten. Die Spannung wurde so groß, daß man z. B. ernsthaft, von getrennten Führerschaften sprach. Grund dazu boten oft einzelne Fälle, in denen beide Geschlechter verschieden urteilten und sich gegenseitig unsachliche Motivierungen vorwarfen. Wie weit in den einzelnen Bünden diese Fragen akut sind, weiß ich »licht. Immerhin spielten fie in Berlin eine ganze. Zeitlaug eine erhebliche Nolle. Mir erscheint mit dieser Einstellung die G r u n d b a s i s u n s r e r A r b eit verschoben. Der große Fehler aller, die diese Probleme, die fiir Uneingeweihte hier mxr angedeutet werden kormen, so in den Vordergrund schoben, ist der, daß wir als Nationaljuden Fragen menschlicher — persönlichster Zusammenhänge nicht so an sich, abstrakt sehen dürfen. Für die Wandervögel mag eine . solche Betrachtung richtig sein: für uns ist doch die Hauptsache die Erziehung zum ganzen Juden. Für uns ist es garnicht so wesentlich, ständig uns an der Weseuverschiedenheit zu reiben; mit Blüher zu betonen, daß die Mädchenarbeit die Bemeguug auf falsche Wege führe, grenzt ans Unsinnige. Im Gegenteil ist unsre Mädchenarbcit von ungeheuerster Bedeutung. Die Jungens Snden auch in anderer Gemeillschaft ihren Weg aus Geistigkeit und GemeiuschafMdrang; aber es ist das erste Mal (in Deutschland!) daß unsre Mädchen sich in größerer Zahl ans ihr Ziel besinnen. Garnicht genug kann man hier betonen, daß die ganze Zukunft des deutschen Judentums davon abhängt, daß unsre Mädchen ihre Mntteraufgabe als jüdische Aufgabe erfassen lernen, daß sie, mag es ihrem Wesen ganz entspreche»» oder nicht, ihre soziale Aufgabe in der nationaljüdischen Gemeinschaft erkennen, daß sie bei uns (uub oft besonders in Berlin können sie es nur bei uns), lernen, jüdisches Leben, jüdische Liebe für ihr spateres Leben in der Ehe zu gestalten. . Don den Mädchen bängt es ab, ob die Jungens, die in Dentschlarrd leben müssen, nicht dem Schicksal sovieler älterer Zionisten verfallen, dem Jnteregeloswerden tu unjüdischer Ehe und im Zwang des Berufes. Man muß in Polen die-Kraft und jüdische Selbstverständlichkeit-unserer Mädchen erlebt, ihren Instinkt,