Mannheim
Compact Memory

Blau-Weiss-Blätter · 1917-08-01 · 2 (8.1917) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Blau-Weiss-Blätter
Volume
1 (1917-1919)
Issue
2 (8.1917)
Date
1917-08-01
Page
[Seite] (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2708691-2708692-2708694--030-2708758
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Stellung, die man dem Hebräischen gegenüber einnimmt: nicht die absolute Wichtig- Kit der Sache, sondern bestenfalls nationalknlturelle Erwägungen führen dazu> Hebräisch zu fordern. Nun möchte ich aber einmal den sehen, der Hebräisch mit Ausdauer und Erfolg lernt, weil er es als „eines der wesentlichsten Mittel -nrNatLonalLsierun g der Jugend" betrachtet? Kommt diesem unglücklichen Mau-Weißen nach dem Herzen Oppenheims keine bessere Erkenntnis, so wird er wohl sehr bald aufhören, denn weder hat man verstanden, ihn^rn ein tieferes Verhältnis zum Hebräischlernen zu bringen noch hat er "selber eins gewonnen. Bon welchem Zentrum her sollte er also lernen, wenn er kein Zentrum hat? WMe und müßte ich ein Programm aufstellen, würde ich sagen: Wir lernen Hebräisch, mm Hebräisch schweigen zu können. Das ist ein Grund, den ich verstehe, denn er hat «neu Grund in der Seele eines jeden von uns. Die imaginären Nützlichkeitsar-» gumente, die Auffassung, des Hebräischen als Mittel, find legitime Kinder der Ver^ Wirrung. Verwirrung nenne ich jene, durch die Vermischung der Ordnungen entstandene, Beschaffenheit der Jugend, die die Dinge nicht durchaus vom Zentrum, sondern von Pen unendlich vielen Standpunkten der Peripherie her betrachtet, deren heimlichstes Gesetz ist: ja nicht die Prinzipien an die Dinge heranzutragen, s-nb-ri r^er und immer wieder die schillernden Gesichtspunkte der Politik (und sei - auch nur auf das kommende Geschlecht gerichtet, das so zu einer imaginären ftrrchr- Üacm Macht wird, die die Arbeit in unserer Generation, auf die es jetzt doch schließlich ankommt, verhindert, bevor .sie noch recht beginnt). Die Verwirrung regiert heute: die Arbeit auch des Blau-Weiß, jeder Heimabend trägt den Zwiespalt der Lüge in sich. Das Judentum wird zu einer beliebig zu gestaltenden amorphen' Substanz (weil man die Gesetze seiner Gestaltung nicht kennt), und weil man den Reichtum unseres Volkes nicht kennt, nährt man sich an fremden Gütern, uub ist dann konsequenterweise gezwungen, manchmal vielleicht mit unsicherem Gewissen, die Anficht zu verteidigen, da sei kein Unterschied, wenn nur die ausnehmenden Menschen jüdisch sind. Aber das ist es ja: sie find es nicht. Auch hier vergißt man, daß wir in den anormalen Verhältnissen des Golus leben, was wir aufnehmen, nehmen wir nicht mit jüdischer, sondern mit verwirrter Seele auf. Unsere Argend ist noch nicht jüdisch, und die Flitter — alles was mau erringt, ohne es zu erarbeiten, ist Flitter — mit denen fie die Dürftigkeit ihrer Seele putzt, find stagwürdige Zeugen einer fragwürdigen Erneuerung. Es darf gefragt werden, worin der Blau-Weiß die Sphäre der Verwirrung derlaffen hat. Die Menschen können'nicht durch ihn' erzogen, ste müssen aus ihm herauserzogen werden. Einen Weg gibt es, der zur Bewegung führt: Verzicht, Mut -mm Verzicht auf alle scheinbaren und der Verwirrung entsprungenen Werte. Solange mau die Natur als einen Gegenstand ästhetischen Genusses betrachtet, um den man sich nicht bringen darf, solange in wahnwitzigem Hochmut das Hebräisch- Lernen von vielen Leuten als ein Opfer angesehen wird, — Io jerazeh — das ftc der Bewegung bringen, solange nicht einmal radikal im Denken und Tun auf die /„Kommenden" Verzicht geleistet wird, weil es gilt, jene Sphäre der Einsamkeit und damit erst möglichen Gemeinsamkeit zu erreichen, wo wahre Wirkung Kch erst ermöglicht — so lange sind wir nichts. Habm wir den Mut zum Verzicht, zum positiven Aufbau des Jüdischen, zu 29

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.