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Judaica · 1937-11-01 · 25-26 (November 1937) · p. Seite 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Judaica
Volume
4 (1937)
Issue
25-26 (November 1937)
Date
1937-11-01
Page
Seite 6 (sequence 8)
Language
German
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Hebung seines Volkes widmen wollte, er wollte, wie seine Freunde, die schwierige Aufgabe lösen, wie man ohne das „Entreebillett des Taufscheines” in die europäische Kulturwek eintreten könne. So trat er als Führer der jüdischen Jugend das Vermächtnis seiner Ahnen an. Heine hat Monate hindurch ohne Entgelt Vorträge über Geschichte und Literatur gehalten. Wir besitzen davon ein schönes, bewegendes Zeugnis einer seiner Hörer, Braunhardt. (L. J. Braunhardt.) Als vierzehnjähriger Knabe machte ich zuerst die Reise nach Berlin in sehr ärmlichem Anzuge und mit drei Silbergroschen in der Tasche. Meine erste Sorge war nun, irgendwelchen Schulunterricht zu empfangen, da ich bis dahin noch gar keine allgemeine Bildung hatte. Mein Gönner erzählte mir, dass sich in Berlin ein Verein gebildet, dessen Aufgabe es sei, Jünglinge meines Glaubens in allen Fächern der Wissenschaft zu unterrichten. Zu diesen wohltätigen und gelehrten Männern, welche die Unterrichtsanstalt des Kulturvereines begründeten und leiteten, gehörten damals Leopold Zunz, Eduard Gans, Moses Moser, Dr. J. Auerbach, Dr. Rubo, H. Normann, Ludwig Marcus, Dr. Schönberg, Dr. Oesterreich und — Heinrich Heine. Ich komme jetzt zu der Hauptperson des erwähnten Unterrichtskreises, und zwar zu dem genialen Dichter Heinrich Heine, der zu jener Zeit in der Neuen Friedrichstrasse Nr. 47, im Hause des Stadtrates David Friedländer, seine Wohnung hatte. In dem Geschäfte von M. Friedländer & Comp. war deshalb sein bester Freund Moses Moser, den er einen lebendigen Epilog zu Lessings „Nathan” genannt hatte, als Prokurist angestellt. Die Unterrichtsstunden, die uns Heine erteilte, bestanden in Französisch, Deutsch und deutscher Geschichte. Sein Vortrag war ein ganz vorzüglicher. Mit grosser Begeisterung, ja mit einem unnachahmlichen poetischen Schwünge schilderte er die Siege Hermanns oder Arminius des Deutschen und die Niederlage des römischen Heeres im Teutoburger Walde. Hermann oder Arminius war ihm das Muster eines grossen Helden und Patrioten, der sein Leben, sein alles wagte, um seinem Volke die Freiheit zu erkämpfen und das römische Joch abzuwälzen. Als Heine mit überlauter Stimme, wie einst Augustus, ausrief: „Varus! Varus! Gib mir meine Legionen wieder!” frohlockte sein Herz, seine schönen Augen glänzten und sein ausdruckvolles männliches Gesicht strahlte vor Freude und Wonne. Wir, seine Zuhörer, waren höchst überrascht, ja erschüttert; noch nie zuvor hatten wir ihn mit einer solchen Begeisterung sprechen gehört. Wir hätten ihm die Hände küssen mögen, und unsere Verehrung gegen ihn wuchs in einem hohen Grade und blieb für unser ganzes Leben unvergänglich. Nur selten äusserte er sich über Politik und Religion. Nur einmal sagte er während des Unterrichts etwa folgendes: Kein Mensch kann in Wirklichkeit Atheist sein; seiner Natur nach muss er an ein höheres Wesen denken und nach dem höchsten Ideal der Moralität streben. Das ist seine Bestimmung, und nur das allein ist der Kern des Judentums, welches zuerst das heiligste aller Gebote: „Du sollst deinen Nächsten als dich selbst lieben,” gelehrt hat. Soviel ich mich noch zu erinnern vermag, stand Heine zu jener Zeit in der blühendsten Jugend. Seine Gestalt war mehr gross als gedrungen, sein schönes, noch jugendliches Gesicht strotzte von Gesundheit. Sein hübschgeformter Kopf war mit blonden Haaren bedeckt. Von seiner orientalischen Abstammung war in seinem Aeusseren nichts zu erkennen. Er war stets modern und elegant gekleidet. Mit einem Worte: He was a real gentleman comme il faut. Strömte da die ganze jüdische Jugend begeistert zu den herrlichen Vorträgen des jungen Dichters, dessen schönes Antlitz geflammt hat von Geist und Empfindung? Nein! sagt unser Modell. Man sass dort, wo Einfluss und Macht war und hörte die flachesten, ältesten Gemeinplätze an, mied aber diese Gesellschaft von Zunz, Moser, Gans und Heine, die im Schatten der Ungnade der Gemeindegewaltigen wirkten. Undank über Undank, Intrigue über Intrigue, das war der Lohn der geist- und gemütsvollsten 6

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