Mannheim
Compact Memory

Judaica · 1936-11-01 · 19-20 (November 1936) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Judaica
Volume
3 (1936)
Issue
19-20 (November 1936)
Date
1936-11-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2708078-2708088-2708091--377-2708500
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

in Düsseldorf. Niemand ist so stolz auf sein Judentum, als derjenige, der Ursache hat, auf die Vergangenheit seines Hauses stolz zu sein und Niemand ist mehr besorgt um das Schicksal seines Stammes, als derjenige, dessen Haus die grössten Opfer für dessen Ehre und Wohlfahrt gebracht, Niemand erfasst den ganzen Jammer und Erniedrigung seines Volkes so sehr als Derjenige, dem die höhere Erkenntnis der Ursachen und Wirkungen der jüdischen Tragödie aus Familientraditionen offenbar ward, wo man das Schicksal des jüdischen Stammes von der höheren Warte des Führers, vom Feldherrnhügel zu verfolgen gewohnt war. Das Lied Zions, das er auf fremden Boden sang, hat kein Grösserer als er beeinflussen können, es war der Gesang seines Blutes, es klingt darin die geisterhafte Stimme seines Grossonkels Simon van Geldern, der mit seiner ausserordentlichen Mannesschönheit selbst an ein Prinzessinherz gerührt haben soll, und doch das Leben eines asketischen Kabbalisten in Palästina geführt hat, wohin er in zwei wahren Sindbadreisen voll Abenteuer und Lebensgefahr gelangt ist. Was Heine über den Einfluss, den der Geist dieses lange vor seiner Geburt verstorbenen Grossoheims erzählt, gehört zu den seltsamsten Exempeln der Seelenkunde. In einer Art von Transzuständen glaubt er selbst Simon van Geldern zu sein, durchlebt seine Abenteuer, spricht mit fremdartigen Menschen im Oriente, versteht ihre Sprache und noch manches, was in späteren Zeiten in seinen Versen fremdartig anmute, sei von jenem seltsamen Geisteszustände in seiner Jugend inspiriert. Diese an den Glauben an Seelenwanderung grenzende Darstellung Heines macht es begreiflich, wie den Göttinger Studenten, der in der restlosen Assimilation sein Heil sucht, inmitten des Trubels schrankenloser Sinnenlust die heilige Inspiration ergreift und sich seiner Seele der unsterbliche Sang entringt: Brich aus in lautes Klagen du düsteres Martyrerlied das ich so lang getragen im flammenstillen Gemüt! Es dringt in alle Ohren und durch die Ohren ins Herz Ich habe gewaltig beschworen den tausendjährigen Schmerz. Es weinen die Grossen und Kleinen sogar die kalten Herren Die Frauen und Blumen weinen es weinen am Himmel die Stern’, Und alle die Thränen fliessen nach Süden im stillen Verein sie fliessen und ergiessen sich alle in den Jordan hinein. Welch eine machtvolle seherische Intuition, welch gewaltige Wirkung mit den einfachsten Worten! Mit den drei Begriffen: Frauen, Blumen, Sterne, der Terminologie des Kindes entnommen erweckt er das ahnende Verständnis für die Zeit und Raum erfül- 3

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.