Judaica
- Journal
- Judaica
- Volume
- 2 (1935)
- Issue
- 13-14 (November 1935)
- Date
- 1935-11-01
- Page
- Seite 29 (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
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allerdings der jüdische Staatsmann Herzl mehr, als der Schriftsteller. Die sogenannte „Entwicklung bis zum Zionismus”, die hier und anderswo als ein zu kompliziertes Problem behandelt wird, war viel einfacher. Wir alle haben als Kinder von der Wiederherstellung des judenstaates geträumt, wir haben alle tag-täglich die Judenfrage gehört oder gefühlt. Der Providentielle war nur Derjenige, der, wenn auch unbewusst, in sich die Simsonskraft verspürte, die Riesenpforte des Galuth auszureissen. auf seine Schultern zu laden und der sein Leben den Philistern hinzuopfern bereit war. Hess und Pinsker bedeuten gar nichts neben Herzl. Ihr Werk ist das Phantasiebild eines Malers, dessen Mission damit beendet ist. „Der Judenstaat” ist die Zeichnung eines kühnen Ingenieurs, die er in Wirklichkeit Umsetzen konnte, wenn er die Ziegel dazu erhalten konnte. Ueber das ganze figurenreiche Gemälde dieser Biographie ragt Herzl in einsamer Höhe durch seine staatsmännische Grösse empor. Er schleppte die ganze Kongressorganisation keuchend in die Höhe, wie die Lokomotive den Lastzug. Er wog — wie Moses nach dem Talmud — ganz Israel auf an Kraft und Opferfähigkeit. Beins Biographie gleicht einem Filmbild, das aus tausenden von scharfen Photographien zusammengesetzt ist und daher merklich flimmert. Immerhin inhaltlich eines der schönsten Dokumente der M ' mchheit, besser der Menschlichkeit, erhaben wie die unsterblichen Bücher des Altertums. Ein redliches Bemühen, wahr und objektiv zu sein, spricht aus dem Buche. Es wird ausführlich dargestellt, wie Herzl die Idee Palästina durch Ankauf von Privatbesitz erobern zu können, vom Anfang an als unreif und gefährlich verworfen hat. Diese Darstellung gestattet nicht, die heutige Bodenpolitik in Palästina, als die Fortsetzung der Idee Herzls zu bezeichnen. Bemerkenswert ist Herzls Warnung an Ussischkin (1903) die Bodenpreise in Palästina nicht durch laute Propaganda für den Bodenkauf in die Höhe zu trei- Hingegen vermissen wir vollständig die gegnerische Haltung Herzls zum jüdisch-nationalen Minoritätsrechte, wie die Tätigkeit der „Jüdischen Volkspartei” in Wien, die in solchem Kampfe mit Herzl gestanden ist. Das Postulat des jüdisch-nationalen Minoritätsrechtes galt Herzl als ein fataler Auswuchs des Zionismus, der die Judenfrage vergiftet statt sie zu lösen. Eine Lücke in der Herzlforschung überhaupt. Von der Wirklichkeit entfernt sich auch du Darstellung der Haltung Herzls zur Ugandafrage. Herzl hat manches zur Beruhigung der Gegner gesagt, was ihm nicht aus dem Herzen kam. Für Herzl selbst war Uganda der grosse Erfolg seines Lebens. „Sie haben wie Kinder geweint, weil ich ihnen ein Land brachte”, sagte er zu nur (März 1904) irdt dem charakteristischen Zornesblitz in seinen machtvollen Augen. Uganda, um dessen nachbarlichen Boden Italiener u. Abessynier täglich Hekatomben von Menschenopfern bringen, bedeutete sofortige Aufnahme in den Kreis freier Völker, finanziell ein Milliardengeschenk diplomatisch einen unfassbar grossen Erfolg. England bot dem Zionistenkongrc - „von Parlament zu Parlament” ein a ntonomes Gebiet an! Verkehrt heum die englische Regierung überhaupt mit dem Zionistenkongress? Was Herzl im Judenstaat geplant hat, das a u t o n om e Land für heimatslose Juden, er hat es vor seinem Tode erlebt. Es hätte Ehre und Sicherheit des jüdischen Volkes befestigt. Darum darf seine Biographie nicht wie das Schicksal eines Somnambulen klingen, der unmögliche Höhen erklimmt, dem unerreichbaren Mond zmtrebt, und diesen Wandel über alle Dächer der Diplomatie mit seinem Leben bezahlt. Wir selbst, die an seiner Seite arbeiteten, haben nur die Empfindung des systematischen Aufstieges zum Ziele gehabt! Dieser Aufstieg wiederspiegelte sich in eigenem kleinen Kreise: von der Ortspruppe zum Verein, zur Landeszentrale, zum Weltkongress des Misrachi (1904). Da starb Herzl und diese stürmische Entwicklung brach jäh ab, in unserem kleineren Kreise wie in der ganzen Weltorganisation. Daher die optische Täuschung Beins, dass Herzl zur rechten Zeit gestorben sei, er hätte nicht mehr erreichen können, Wäre Herzl gesund am Leben geblieben, so hätte es auf alle Fälle irgend ein autonomes jüdisches Gebiet gegeben, in welches man die in ihrem Geburtslande unerwünschten Juden übersiedelt hätte — vor der Katastrophe! Unverständlich ist auch das falsche Grössenmass, das auch Bein an Herzl, Pinsker Achad haam, Bialik usw. anlegt. Das wraren nur Stubenschriftsteller und keine Staatsmänner. Hätten diese Schriftsteller ohne Herzl es vermocht, Kaiser und Staatsmänner derart zu fesseln, wie Herzl? Ein Staat wird von Staatsmännern erbaut und geleitet. Als Staatsmänner waren Achad haam, Bialik ohne die geringste Bedeutung! „Wer 29