Judaica
- Journal
- Judaica
- Volume
- 2 (1935)
- Issue
- 13-14 (November 1935)
- Date
- 1935-11-01
- Page
- Seite 15 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2708078-2708082-2708087--269-2708390- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Plünderung auserwählt waren. — Es war die Karwoche und zugleich die Pessachwoche, die Aufregung war sehr groß und auch kein Geheimnis mehr, daß eine Plünderung erfolgen werde. Und doch hat niemand daran glauben wollen, da hier derartiges noch nie vorgekommen ist. Mir ist sogar im Vertrauen gesagt worden, daß zu diesem Zwecke eine Menge von Lehrbuben mit Nummern versehen, in militärischer Ordnung in der Au Zusammenkommen sollen um gegen den Schloßberg zu ziehen, den Anfang zur Plünderung zu machen. Ich habe dies mehreren Kaufleuten mitgeteilt, jedoch wollte keiner daran glauben. Ich konnte nur meine Wertsachen in Gold und Silber in meinem Holzgewölbe vergraben, die Waren jedoch konnte, ich nicht verstecken. Am Ostersonntag, das war der 4. Tag Pessach, am 23. April, war ich um 3 Uhr nachmittags auf der Post und habe Geld aufgegeben. Dort traf ich den damaligen Stadthauptmann Motko. Ich fragte ihn, ob es ratsam wäre, in dieser kritischen Zeit auszuziehen, ich hatte das alte Lokal gekündigt und müßte am Georgi ausziehen. „Ohne Besorgnis“ gab er mir zur Antwort, „geben Sie auf das Gerede nicht und ziehen Sie in ihr neues Lokal“. Ich muß noch bemerken, daß auch damals, wie gegenwärtig, die Sage verbreitet wurde, daß die Juden zu Osterzeit Christenblut brauchen, natürlich hat dies in den ohnehin erregten Zeiten viel zur Aufregung beige.- tragen. Der Vorstand der Judengemeinde sah sich genötigt zum Stadtkommandanten, Graf Lamberg zu gehen, um bei ihm Schutz zu suchen, was er bereitwilligst zu;sagte, jedoch nicht eingehalten hat. Am Ostersonntag Zwischen 5—6 hat der Tumult angefangen. Von beiden Seiten, von der ,,Sonne“ und von der breiten Stiege sind sie zur gleichen Zeit, voran die Lehrbuben und dann die starken Burlschen mit Steinen und Knittel bewaffnet gegen die Judengasse eingedrungen, und haben Fenster und Schilder zerschlagen, idoch ist es uns gelungen, sie von der Judengasse bis an die Gitter hinaus (zu drängen. Sodann wurden die Gitter gesperrt. Hingegen wurden die Geschäfte bei der „Sonne“, welche sich außerhalb des Gitterte befunden haben erbrochen und teilweise geplündert. So war die Nacht hereingebrochen, Niemand wagte sich aus der Judengasse hinaus. Die Gitter blieben gesperrt. Man hörte einen großen Lärm, besonders vom Michaelerthor her, wo die Nationalgarde auf gestellt war. Diese bestand aus lauter Spießbürgern, das Bürgermilitär nämlich, das zu jener Zeit existierte. Es läßt sich denken, wie dies den Juden zugetan wrar, sie haben zwar verhindert, daß der Pöbel des Nachts ,in die Judengasse gedrungen wäre, denn es waren auch einige Cavaliere, welche den Juden gut geneigt waren, unter ihnen. Der Pöbel gab aber keine Ruhe, man gab an, daß im Sigrahause einige Christen ermordet wurden und im Kanal verborgen wurden. Um 1 Uhr nachts kam ein Pöbelhaufen unter Bewachung des zu Pferde sitzenden Baron Lopresti, verlangte Einlaß durch das Gitter und in das Sigray-Haus,