Mannheim
Compact Memory

Judaica · 1935-11-01 · 13-14 (November 1935) · p. Seite 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Judaica
Volume
2 (1935)
Issue
13-14 (November 1935)
Date
1935-11-01
Page
Seite 13 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2708078-2708082-2708087--267-2708388
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

vom Mossöczy-Haus, wo damals nur Wohnungen gewesen sind. Das war Michaelis und war ab Georgi am 24. April 1848 zu beziehen. Ich habe das Eckzimmer schon im Winter zum Geschäfte hergerichtet und ein Portal machen lassen. Im Geschäfte habe ich mir durch Verglasung ein Schreibzimmer herrichten lassen und dasselbe im Jänner 1848 bezogen. Meine Wohnung habe ich vorläufig im Nagelschmiedschen Hause beibehalten. Am 10. Oktober ist meine Frau von einem Mädchen entbunden, welches wir Julie nannten. Im Jänner 1848 habe ich noch im alten Lokale inventiert. Die Inventur ist sehr günstig ausgefallen, ich beschloß daher noch im Jänner die Übersiedlung ins neue Lokal und fand auch nach kurzer Zeit, daß das Geschäft im neuen Lokal noch besser ging. Jetzt komme ich zu dem Jahre 1848, welches für alle Welt ein bewegtes war und besonders für mich. Am 13. März ist in Wien die Revolution ausgebrochen. Da hier der Landtag war, ließ es auch hier sich nicht lange warten. Am 15. März sind schon ganze Schaaren Studenten durch die Straße gezogen mit dem Rufe: Freiheit, Brüderlichkeit und Einigkeit, wurden vom Publikum lebhaft begrüßt. Die Aufregung stieg von Tag zu Tag. Zu dieser Zeit hat Kossuth, der als Ablegat beim Landtag war das große Wort geführt und hat vom Baikone des ,,grünen Baum"' eine Ansprache gehalten. Auch Graf Batthanyi, der später Premierminister war, hat da Reden gehalten, wie auch andere ungarische Kapazitäten, so hat (sich die Aufregung fortwährend gesteigert. Auch sind beinahe jeden Tag von Wien aufreizende Plakate gekommen, wie man es früher nicht wußte. Zum Beginne hat sich die Revolution die Preßfreiheit errungen. Auf einmal erscheint ein Plakat, daß (Fürst Metternich, der die Regierung geleitet hat, geflohen war. Das wirkte auf den hiesigen Landtag, als wenn man Schmalz ins Feuer gießt. Es ging vom hiesigen Landtag eine große Deputation mit Kossuth an der Spitze mit einem eigenen Dampfschiff zum Kaiser Ferdinand gefahren. Sie haben in Wien großes Aufsehen gemacht und haben auch vom Kaiser alles, was sie verlangten erreicht. Bei den hiesigen Bürgern ist die Freiheit anders auf gef aßt und benützt worden: gegen die Juden. Es war gerade Purim, da haben die ersten Anzeichen begonnen, da haben sie in der Nacht die Fenster in der Judengasse, hauptsächlich im Nesterhaus eingeschlagen. Zur selben Zeit ist der Landtag von hier nach Pest verlegt worden. Sobald der Landtag verlegt wurde hat auch die Judenverfolgung begonnen und hat sieb, täglich gesteigert. Sie haben die Freiheit dazu benützt, das Publikum gegen die Juden zu hetzen, daß die Juden der Krebsschaden des ganzen Landes seien. Sie veranstalteten in der Schießstätte Versammlungen, woran sich zumeist Kaufleute und Professionisten beteiligten. Zur Aufreizung des Publikums ha-; ben Dr. Reinhardt, Kanau und der Schneider Kalschitzky eine Broschüre herausgegeben, man möge die Austreibung der Juden 13

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.