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Judaica · 1935-11-01 · 13-14 (November 1935) · p. Seite 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Judaica
Volume
2 (1935)
Issue
13-14 (November 1935)
Date
1935-11-01
Page
Seite 6 (sequence 8)
Language
German
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Tagebuch des Herrn Max Kestler geboren am 25. Feber 1812 gestorben am 9. September 1889. Dieses Tagebuch wurde lediglich als Vermächtnis für die Familie — jmit jüdischen Schriftzeichen aber in deutscher Sprache — niedergeschrieben und von der Tochter Frau Ignatz Lunzer mit deutscher (Schrift transkribiert. Wir verdanken die Benützung dieses Tagebuches dem Enkel des Verfassers, Herrn Ditor Paul Lunzer in Budapest. Max Kestler selbst hat sicherlich nie daran gedacht, daß diese im einfachsten Erzählerton äbgefaßte Schrift leinmal im Drucke erscheinen werde. -Allein gerade diese natürliche ungekünstelte im damaligen Style des Alltaggesprächs gehaltene Erzählung des Hausvatersl, der vor dem gespannt lauschenden Familienkreise Bilder aus seinem wechselreichen Leben vorüberziehen läßt, verleiht diesem anspruchslosem Büchlein eigenen Reiz. Es mutet wie eine primitivere Variation des bekannten Buches ,,Ein jüdischer Kaufmann“ von (unserem Landsmanne Sigmund Mayer an. Beider Jugend beginnt im ZwieHcht des Ghettodunkels und des Morgenrotes der Freiheit, die sich stürmisch entwickelt bis zum Momente der großen Enttäuschung im Jahre 1848; es folgt der neue Aufstieg des Liberalismus, bis das alte doch ewig neue Lied des Galuth fwieder erklingt. Wie Mayer vom Preßburger Ghetto aufsteigt zur Geltung in der Wiener Gesellschaft, zum Stadtpolitiker und Unionführer, hebt sich in kleineren Proportionen das Kind des Dorfhausierers Kestler empor zum angesehenen Kaufmann in der Patrizierstadt Preßburgs, und zum Mitgliede des Vorstandes der berühmten Judengemeinde. Es liegt ein gewisser kulturhistorisch interessanter Zusammenhang zwischen beiden Memoiren, die typische Erscheinung des Nachschubes von Einwanderern aus den Dörfern, die immer die Lücke ausfüllen, welche die inach Wien avanzierten alten Preßburger Familien hinterlassen haben. Der harte Frohndienst des Dorfjuden, seine von Armut, Bedrückung und (Frömmigkeit diktierte asketische Lebensweise, gelangt hier zur eindrucksvollen Darstellung. Wir sehen Chatam Sofers feierlichen Einzug in die Sommerfrische, unter festlichem Ealdachin Erzherzog fand Dorfhausierer, manches wertvolle Detail aus dem wildbewegten Freiheitsjahre im1 Preßburger Ghetto, Die Wechselfälle des Judenschicksals im 19. Jahrhundert projizieren sich ‘eigenartig in dem Geiste des einfachen, redlichen Kaufmannes. Es liegt Charakter und Verantwortlichkeit in der Weise, wie Max Kestler Rechenschaft über sein Leben und Wirken geben zu müssen glaubt. Wie schade, daß wir so wenig solche Dokumente laus vergangenen Zeiten besitzen! 6

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