Judaica
- Journal
- Judaica
- Volume
- 2 (1935)
- Issue
- 11-12 (August 1935)
- Date
- 1935-08-01
- Page
- Seite 31 (sequence 33)
- Language
- German
- Belongs to
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vor aller Augen, symbolisch für den gründlich missverstandenen Herzl. In Luzern sass unter dem Herzl-Bild alles, was ihn bei Lebzeiten bekämpft, seinen Arm gelähmt, sein Leben versauert hat. In Wien sass doch Jakob de Haas der Organisator des grossartigen IV. Zionistenkongresses in London anno 1900. Da lernte ich ihn kennen und achten, ein gerader braver Soldat Herzls. In seiner zweibändigen englischen Herzl-Biographie hat er seinem Herrn und Meister den Tribut der Verehrung gezollt. Welch ein Unterschied zwischen der märchenhaften Tafelrunde des Londoner Kongresses neben Herzl, Nordau, Zangwill, Mandclstamm, Montefiore und Tschlenow. Damals gehörten noch Ussischkin, Motzkin, Sokolow, Weizmann zu den Sternen zweiter Grösse. „Why did you join this Organisation?5’ frage ich den weissgewordenen Pionier de Haas. „Because the movement, I helped ro build’, kommt es heraus mit der Schneidigkeit eines amerikanischen Volksredners „is intellectually and morally bankrupt.55 (Das soll besser uniibersetzt bleiben.) Auf eine weitere Frage antwortete er, dass der merkwürdigste Zug des N. Z .O.-Kongresses der Anschluss orthodoxer Massen sei „die Ursache?55 — Die iüdische Katastrophe. Diese Orthodoxen, sind , Sztam-Juden'5 und finden ihren Platz in einer Organisation, die selbst alljüdisch ist. , Die Aussichten in Palästina?’5 — „Das Aussenamt in London ist uns gut genug gesinnt, besser als das Kolonialamt.55 Auch Jabotinsky ist alt geworden. Von diesem Manne geht eine unerklärliche magnetische Kraft aus, die die Massen in seinen Bann zwingt. Er verfügt nicht über die bezaubernde Erscheinung Herzls, dem er gleichen will. Er gleicht ihm darin, dass er selbst single-handed eine zionistische Organisation geschaffen hat. Er trägt sie auch gleich Herzl, wie Atlas allein auf seinen Schultern. Ein blasser Schimmer der Märtyrergloriole beginnt sein charakteristisches Haupt zu umgeben. Wer dieses Volk zur Freiheit erheben will, stöhnt bald wie Moses: Wie soll ich allein tragen all Euer Mühsal, Lasten und Zwistigkeiten! Als ich ihm seine eigene neuerschienent Bildkarte zur Unterschrift vorlegte, sieht er sein Bild aufmerksam an und sagt melancholisch: „Das ist das Bild eines sehr müden Journalisten!'5 Ich frage ihn: „Mit welchen Mitteln glauben Sie bessere politische Erfolge zu erzielen als die alte Organisation? „Vor allem wird die Organisation vergrössert und unser Einfluss wird umso grösser werden, je stärker die Organisation ist!55 „Ist die Balfour-Deklaration auch für Sie die unentbehrliche Basis ihrer Tätigkeit?55 „Wir haben diese Basis vorgefunden und müssen darauf weiter bauen?55 „Ich halte die Frauenorganisation der NZO. für den geeigneten Träger des religiösen Gedankens. Was ist Ihre Ansicht darüber?55 ,,Die WRF. ist noch in Entwicklung begriffen, es lässt sich nicht voraus sagen, wie sie sich entfalten wird!5' „Würden Sie gleich Herzl auch ein anderes Land, freilich nur als „Kolonie vor dem Mutterland55 akzeptieren?55 „Diese Frage habe ich noch nicht studiert, sie ist noch nicht vorgekommen.” Ich fragte den gelehrten Autor mehrere talmudischer Werke Rabbi Riwkind aus Lithauen über die Beweggründe seines Anschlusses an die NZO. „Wir müssen doch gegen die Gottlosigkeit der Roten in Palästina endlich den Kampf aufnehmen!” „Warum schliessen Sie sich nicht der Aguda an?55 „Diese stösst die Masse von sich, wenn sie nicht ico% orthodox ist. Man muss zur Masse hinabsteigen und sie allmälig zu sich heraufziehen!” Bemerkenswert war noch die Rede des Rabbi Blumenfeld-Warschau, welche die Beziehung des thoratreuen Judentumes zur N. Z. O. rechtfertigte. Endlich, dass ein zionistischer Rabbi Nationalstolz genug besass und die Thora genug ernst nahm, dass er die Deklaration Gottes an Abraham Tsak und Jakob als eine höhere Gewähr als die Balfour-Deklaration gepriesen hat. Die Tschechoslowakei hat glänzend abgeschnitten quantitativ und qualitativ. Ein slowakischer Jude verkündete jüdischen Nationalismus in deutscher Sprache mit ungarischem Akzent, aber auch mit ungarischer Suada. Stricker selbst entschuldigt den N. Z. O.-Kongress als den begründeten Aufstand gegen die Gewaltherrschaft der alten Organisation. Es ist daher erklärlich, dass in der Slowakei, wo die misslichsten Verhältnisse im Zionismus obwalten, der revisionistische Aufstand breitere Massen erfasst hat. Besonders wünschenswert wäre es, wenn die Frauenvereinigung 31