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Judaica · 1935-08-01 · 11-12 (August 1935) · p. Seite 28

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Judaica
Volume
2 (1935)
Issue
11-12 (August 1935)
Date
1935-08-01
Page
Seite 28 (sequence 30)
Language
German
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ein gelbes Blatt, das leise niedersinkt, sie so schwer trifft, daß sie sich wie von einem ungeheueren Weh gedrückt fühlt. Und doch möchte ich nicht versuchen mich von dergleichen Regungen zu emanzipieren, denn selbst die Melankolie, die mich jetzt geschattet, gewährt mir eine Art von Genuß und ich ziehe sie bei Weitem der immer gleichen Alltäglichkeit die Gefühles vqr. Aber sehen Sie, Näci, mir ist’s als würden die Menschen mit den Kleidern, die sie um den Körper dicht hüllen auch das Herz verbarrikadieren. Wenn jernals, wäre ich im Winter geneigt, Menschenfeind Zu se{in. Der gemeine, tierische Trieb der Selbsterhaltung tritt im Winter weit sichtlicher hervor, als im Sommer, die Menschen scheinen isolierter, man merkt jedem das Bestreben an, sich in sich selbst und hinter den Ofen zurückzuziehen, und das wirkt noch erkältender auf eine zarter besaitete Natur als Eis und Winterjhimmei und Dezembersonne. — Mir scheint, Näci, so muß es der Seele sein, wenn sie sterben soll! Da muß es auch im Gemüte so herbstlich aussehen und jeder Gegenstand muß abschiedstraurig zum Herze sprechen. Ich schaue zum Fenster hinaus, und der glänzende, aber kalte Sonnenschein dient nur dazu, den Kontrast zu der in mir herrschenden Vorstellung eines trüben Wolkenhimmels und einer schneebedeckten Erde; zu bilden und dadurch die Traurigkeit 'des Bildes zu erhöhen. Auch im vorigen Jahre hat der Herbst mich so gar traurig berührt, warum? Das wissen Sie. Ich war allein, und in Momenten auch — einsam, aber nur in Momenten, denn ich erinnerte mich stets, daß Sie da wären, damals säufzte ich „Aus meinen Augen brechen und rieseln die Tränep jäh —. Vor meinem Fenster traurig hernieder rieselt der Schneie/' Heute weiß ich, daß ich nicht lange allein sein werde. Ich vergleiche die Daten „4. September“ und ,,3. Oktober“ und finde, daß der Zwischenraum nicht groß ist.; Und dennoch bin ich nichts weniger als freudig und heiter in der Aussicht auf das Ende dieses Jahres. Mir scheint, Sie werden keine Freude an m:r haben, den Sie seelenstark und männlich gereift erwarten, und der sich in Momenten schwächer fühlt als ein kleines Kind. Ich habe große Pflichten, ich habe Sie, der in mir einen Waffengefährten in dem Gefechte der Ritter vom Geiste, ich habe eine Schwester, die in mir die Geistesstütze erwartet, an der sich ihre ungeübte Denkungskraft zur Erkenntnis emporranken kann, und nur das hält smich ab, ernstlich einen Gedanken zu fassen, der in letzter Zeit oft in mir auftaujdht. Sagen Sie Näci, ist es besser, zu kämpfen und irgendetwas anzustreben, als sich gehen zu lassen und sich abzusondern von allen Lebenden und fort zu träumen ein Leben lang glücklich in der Entbehjrung alles dessen, was andere anstreben, stolz in dem Bewußtsein, nichts Existierendes eines ernstlichen Verlangens zu würdigen, seelig in einer selbstgesc'hafffenen Welt von schönen Hirngespinnsten u*nd Ideen, ungestört von einer fremden Fratze und einen unharmonischen Hereintönen uneigener Stimmen — 28

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