Judaica
- Journal
- Judaica
- Volume
- 2 (1935)
- Issue
- 11-12 (August 1935)
- Date
- 1935-08-01
- Page
- Seite 20 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Millionenerbschaft in der Preßburger Judengasse Legende und Wirklichkeit. Von Dr. phil. und Dr. jur. Paul J. Diamant (Jerusalem'). In der Zeit als die großen Kriege gegen Napoleon zu Ende gegangen waren, erzählt die Sage, lebte in Preßburg ein Mann namens Moses Bettelheim, der eine schöne und fromme Gattin hatte, die der berühmten Familie Brüll entstammte. Er soll so arm geworden sein, daß er oftmals nicht die Mittel hatte, sich die sabbathliche Festspeise bereiten zu lassen und, um seine Armut vor den Nachbarn zu verbergen, einen Topf voller Kieselsteine zum gemeinsamen Schaletofen schickte. Mit diesem Manne ereignete sich nun folgende wundersame Geschichte. Als einst das laubhüttenfest wieder herannahte, war Moses Bettelheim der erste in der Gemeinde, der sich einen Ethrog verschafft hatte. Durch irgend einen Umstand wurde die Zufuhr von Ethrogim abgeschnitten und der Ethrog wurde rar. Die Szerdahelyer Gemeinde stand ohne einen einzigen Ethrog da und bot Moses Bettelheim 1000 Gulden, wenn er ihr den Ethrog ablasse. Doch dieser erklärte standhaft, da sei Gott davor, daß er eine Mizwa verschachere. Als der große Chatam Sofer, davon erfuhr, sagte er: ,,Der Allmächtige möge ihm das tausendfach vergelten!“ Kaum war ein Jahr vergangen, so erhielt unser Moses aus der Kaiserstadt Wien die Nachricht, daß er tausendmal tausend Gulden — eine Million geerbt hatte. Die Sage wußte auch zu erzählen, daß die Erbschaft von einem zum Christentum übergetretenen Verwandten stammte, der seine Gattin enterbt habe, weil er auf seinem Krankenlager vermeintlich bewußtlos liegend, ein verräterisches Gespräch zwischen ihr und ihrem Liebhaber anhören mußte. Mir, der ich schon in meiner Kinderzeit von dieser Legende Kunde hatte, erschien es stets wünschenswert Klarheit darüber zu verschaffen. Lange Zeit war mein Streben erfolglos, bis es mir endlich gelungen ist, im Wiener Stadtarchiv die aufschlußgebenden Dokumente zu finden. Sie werden hier zum erstenmale wiedergegeben und gedeutet: In knappen Worten meldet das Totenprotokoill der Stadt Wien, daß Herr Anton Calmann, Hausinhaber, verheiratet,, von Preßburg gebürtig, im Spielmanischen Haus Nr. 1122 am Graben, am Brand des Netzes, alt 45 Jahre, am 11. März 1822 Nachts 1112 Uhr gestorben ist. Bald nach Anton Calmanns Ableben begibt sich eine Kommission, bestehend aus dem Sekretär Friedrich Hofmann, dem Sperrkommissar Franz v. Ortowitz, dem Advokaten Dr. Josef Hye und dem Bruder des verstorbenen Moritz Calmann in die Wohnung in das Haus Nr. 1122 und fertigen dort ein Protokoll aus, aus dem zu entnehmen ist, daß der Verstorbene zwar verheiratet war, aber seine Gattin Karoline geb. von Gassner von ihm gerichtlich 20