Judaica
- Journal
- Judaica
- Volume
- 2 (1935)
- Issue
- 9-10 (Juni 1935)
- Date
- 1935-06-01
- Page
- Seite 29 (sequence 33)
- Language
- German
- Belongs to
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Stille die Konsequenz ihrer Überzeugung gezogen und blieben fern. Es gab Dissidenten, die ihr Heil in einer anderen Organisation suchten, ohne den Kongress schwachen oder gar zerstören zu wollen. Zum ersten Male wird der Versuch gemacht, das eigentliche Werk Herzls zu zerstören — im Namen Herzls! Ist Jabotinsky allein zu tadeln, wenn er dem Parlament des jüdischen Volkes das Ansehen und die Autorität nehmen will? War der Zionistenkongress nicht schon ein Rumpfparlament von jenem traurigen Momente an, wo Nordau, Brandeis, Marmorek, Zangwill, Ehrenpreis, Gaster, Kann, Oppenheimer, Otto Warburg, de Haas usw. nicht zum Kongresse kamen, nicht kommen konnten? Heisst es nur Rumpfparlament, wenn die Fusszehen fehlen und nicht wenn die Köpfe abgeschnitten sind? War der Kongress überhaupt mehr ein Parlament mit konstitutionellem Charakter? Gab es wirklich freie Wahlen? Entsprach die Zusammensetzung des Kongresses tatsächlich dem Willen der zionistischen Masse? Bestand überhaupt noch eine Rechtskontinuität in der Kongressorganisation5 Hat man je eine Mahnung oder Erinnerung an ein Kongressstatut auf den Kongressen gehört? Ist es ein Wunder, wenn die Unzufriedenheit mit der entsetzlichen Unfähigkeit der Leitung, die von einer soutenierten Presse geboomt wurde, explodieren musste, da ihr jede Möglichkeit der normalen Äusserung, Anhörung oder gar Beherzigung benommen war? In dem noch nicht bestehenden Staate war mehr als manches faul! Wer hat je ein besänftigendes, konziliantes Wort seitens der Leitung gehört? Sah man einen Versuch, den traurigen Zerbröcklungsprozess der Organisation aufzuhalten? Ist es nicht erst durch die ungeahnte Schwäche Sokolows möglich geworden, dass die Autorität der Leitung des Kongresses so tief gesunken ist, dass Jabotinsky solch grosse Massen zum Abfall, zur Revolte gewinnen konnte! Beide Teile müssen sich bewusst sein, dass der tertius gaudens in diesem Falle der Araber ist und dass das Prestige des Zionismus einen schweren Schlag durch diese Spaltung erhält. Ehe Jewish Agency ist auch eine grosse Enttäuschung. Sie ist weit entfernt davon zionistisches und antizionistisches Judentum zusammen zu führen, nicht einmal fähig, die Einheit des Zionismus zu erhalten. Vor nicht lange her, sah man all die vielen Hunderte von Nationen und Religionen, aus welchem das britische Weltreich besteht, — ein grandioses Tableau menschlicher Organisationskunst — um den Thron des jubilierenden englischen Königspaares versammelt, eine aus hunderten Millionen aufgebaute Menschenpiramide, sondergleichen in der Weltgeschichte! Und wir verlangen vom Engländer, der von Downing Street aus mit zehntausendfacia verschlungenem Leitseile, mit solcher ehriurchtsgebietender Staatsweisheit alle Rassen und Bekentnisse führt, dass er dieses kleine in ewiger Balgerei >ich auf den Boden wälzende ^co.cco köpfige Palästinajudentum achten soll? Herzls Bedeutung, die ihn turmhoch über alle seine Vorläufer erhob, war seine Kunst, alle religiösen, nationalen, kulturellen und sozialen Verschiedenheiten des Judentums in dem Bruderbund des Zionistenkongresses vereinigen zu können. Altruismus vereinigt, Egoismus •entzweit. Vor Jahren hat Einer aus der alten Herzl-Garde, Weizmann aut die schwindende Autorität des Zionistenkongresses aufmerksam gemacht und empfohlen, die alten Führer des Zionismus zum Kongresse zurückzu ■ bringen, die noch die Situation retten könnten. Heute ist die Bewegung schon derartig demoralisiert, dass auch dieser Anregung kein Erfolg mehr winkt. Es wird dazukommen, dass die Juden in Palästina sich unabhängig vom Zionistenkongresse organisieren werden. Damit w\ire vielleicht die Palästinafrage lösen und nicht die Judenfrage, was das letzte Ziel des Kongresses sein sollte, Die Jugend, soweit sie nicht ins radikalste Lager getrieben wird, strömt der Fahne Jabotinskys zu. Die Jugend will für ein Ideal kämpfen und nicht ihre Kraft in Geldlägerei erschöpfen, sie anerkennt nicht, dass der Driver der idealste Führer sei und dass man zur Erlösung Palästinas nur Geld, Geld und wdeder Geld brauche. Die Abkehr der Jugend von der schnöden, mit allen Mitteln betriebenen Geldjagd, ist das Glück im Unglück der Spaltung, an welcher die zionistische Leitung mehr Schuld trägt, als jabotinsky, der beleidigte Coriolian. 29