Judaica
- Journal
- Judaica
- Volume
- 2 (1935)
- Issue
- 7-8 (April 1935)
- Date
- 1935-04-01
- Page
- Seite 18 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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spielen und wird nur als Episode in den Geschichten der frermden Völker erwähnt. Die Geschichte des Judentums wird in Judengeschichten zersplittert. Der Sinn für die eigene Volksgeschichte als Ganzes betrachtet, wurde völlig abgestumpft und die Ereignisse im Judentum wurden nur als Judenschicksale betrachtet und empfunden. Die heldenhafte und glorreiche Vergangenheit konnte aber trotz des tragischen Schicksals der Ge-J genwart nie aus dem Gedächtnisse des Volkes schwinden und in Vergessenheit geraten. Auch die Erwartung einer besseren und glücklicheren Zukunft war immer tief in der Seele des Volkes verwurzelt. Zwischen glücklicher Vergangenheit und besserer Zukunft wurde die tragische Gegenwart durch den Lichtstrahl der Hoffnung überbrückt. Diese Hoffnung aber bedeutet dem jüdischen Volke viel mehr, als sie einem gewöhnlichen Sterbe liehen zu bedeuten pflegt. Diese Hoffnung bedeutete Kraft zur Ausdauer und Überwindung des harten Schicksals. Diese Hoffnung bedeutet die Verkörperung der Seele des jüdischen Volkes. Sie wurzelte in der geistreichen Vergangenheit und schöpfte von dort Nahrung für das geistesarme Schicksal der Gegenwart. So spielte die Hoffnung beim Judentum die Rolle der geistigen Vegetation des jüdischen Volkes, die ihm Lebensunterhalt verlieh. Ohne die Eloffnung wäre das Schicksal von der Geschichte abgerissen und die Gegenwart zu der Zukunft unzugänglich gewesen. Schon das Leben des Einzelmenschen verliert an Bedeutung mit dem Verlust der Hoffnung, um soviel mehr ist dieses bei einem ganzen Volke der Fall. Die Hoffnung aber an und für sich allein ist wie die nackte Seele ohne Körper, an der man garnidht fest halten kann, wenn sie nicht eine konkrete Form annimmt. Beim jüdischen Volke hat die Hoffnung die Form des Glaubens angenommen, das ist seine Religion. An der Religion kann man festhalten, indem man an ihre Gebote und Vorschriften festhält. Und hier sind wir in die Tiefe der Gründe gelangt, warum das jüdische Volk vor solchen harten Schicksalsprüfungen standhalten konnte. Wollen wir also, daß unser Schicksal wieder zur Geschichte wird, daß wir nicht nur Schicksal erleiden, sondern auch Geschichte schaffen, daß wir nicht nur ein Objekt des Weltge* schehens, sondern auch als Subjekt an der Schöpfung der Zukunft beteiligen körmen, so müssen wir den Faden unserer Geschichte wieder dort aufnehmen, wo wir ihm fallen gelassen haben, und wieder dort anknüpfen, wo wir abgerissen haben. Das heißt mit anderen Worten: Die fremde Maske herunternehmen, und wieder die eigenen Formen, die jüdische: Eigenart aufnehmen. Daß wir (nicht das sein wollen, was wir nicht sind, und was unsere Ahnen nicht gewesen sind. So ergibt sich uns aus der Betrachtung des jüdischen Schicksals und der jüdischen Geschichte ein wichtiges Gebot unserer Zeit und dieses Gebot lautet: Werde Judentum, wer du bist!“ 18