Judaica
- Journal
- Judaica
- Volume
- 2 (1935)
- Issue
- 7-8 (April 1935)
- Date
- 1935-04-01
- Page
- Seite 17 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdisches Schicksal und jüdische Geschichte Von Rabbiner Dr. W, Sole, Sträznice. Schicksal und Geschichte sind verwandte Begriffe. Was heute Schicksal ist, kann morgen Geschichte werden. Geschichte ist Schicksal des Gestern und Schicksal ist Geschichte des Morgen,, Das Schicksal in der fernen Vergangenheit betrachtet, heißt Geschichte, die Geschichte des Augenblickes wird als Schicksal empfunden. Doch gibt es noch einen anderen Unterschied außer der zeitlichen Betrachtungsweise zwischen Schicksal und Geschichte. Geschichte ist ein einmaliges von Zeit und Raum bedingtes Geschehen. Jede Geschichte spielt sich irgendwo und irgendwann ab. Diese zwei Faktoren werden vorausgesetzt wenn von G'eschichte die Rede ist, nicht so aber wenn von Schicksal. Schicksal ist überräumlich und überzeitlich. Wohl ereignet sich auch das Schicksal irgendwo und irgendwann, das ist aber hier nicht wesentlich wie bei der Geschichte und gehört nicht zum spezifischen Merkmal des Schicksalbegriffes, im Begriffe Schicksal ist irgend ein geheimnisvoller Sinn des Geschehens verborgen, während Geschichte kann auch als Ergebnis reiner Zufälle aufgefaßt werden. Schicksal setzt notwendiges Geschehen voraus, dessen Ursache aber uns unbekannt bleibt. Geschichte ist in eine Kette von Ursachen und Wirkungen eingegliedert, das Schicksal ist diese Kette selbst. Deshalb gibt es beim Schicksal keine Frage Warum? oder Wozu? wie bei der Geschichte. Beim Schicksal gibt es nur die einzige Frage W7as.\ Was für...?, und die einzige Antwort kann hier nur mit der Hinweisung auf die Tatsachen des Schicksals gegeben werden. Schließlich ist Geschichte einmaliges Ereignis. Schicksal ist aber werdende Geschichte. Geschichte ist etwas Tätiges, Schaffendes. Schicksal ist Leidendes. Ein Mensch, ein Volk schafft Geschichte, aber erleidet, oder erträgt Schicksal. Deshalb ist im Schicksal manchmal etwas tragisches, aber auch heroisches vorhanden. Das jüdische Volk war das erste, das sich als Geschichte und seine Geschichte als sein Schicksal aufzufassen verstanden hat. Die jüdischen Propheten waren die ersten, die sich über die Ursachen und Wirkungen der Geschehnisse des Augenblickes hinwegsetzen konnten und diese als Ganzes, Zusammenhängendes und Sinnvolles aufzufassen vermochten. Nicht nur der eigenen Geschichte, sondern auch der Schicksale der anderen Völker schenkten die jüdischen Propheten rege Aufmerksamkeit und in dem Zusammenhänge der Weltgeschichte erklärten sie das Schicksal des eigenen Volkes (pragmatische Geschichtsauffassung!). Mit dem Untergange des jüdischen Staates hörte das jüdische Volk auf eine besondere Rolle in der Weltgeschichte zu 17